Reihe «Zürcher Filmstudien»

herausgegeben von Jörg Schweinitz und Margrit Tröhler; gegründet 1995 von Christine N. Brinckmann (Herausgeberin bis 2013)

Die Reihe «Zürcher Filmstudien» wurde 1995 gegründet, um der neu an der hiesigen Universität etablierten Filmwissenschaft ein eigenes Publikationsformat zu eröffnen. Sie erschien zunächst im Chronos Verlag Zürich, 2001 folgte der Wechsel zum Schüren Verlag Marburg. Die «Zürcher Filmstudien» umfassen Dissertationen ebenso wie andere akademische Arbeiten, Tagungsbände sowie Aufsatzsammlungen aus dem Seminar für Filmwissenschaft und dessen näherem Umkreis.

 

Kristina Köhler: Der tänzerische Film. Frühe Filmkultur und moderner TanzMarburg: Schüren, 2017. (Zürcher Filmstudien 38)

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Schon um 1900 beschrieben Besucher von Filmvorführungen das Flackern auf der Leinwand als «Tanz der Bilder». Die Idee, dass Filme Tanz nicht nur aufzeichnen, sondern selbst tänzerische Bewegungseffekte freisetzen – etwa durch die Gestaltung der Kamerabewegung oder Montage, kursiert seither in der Filmtheorie. Der Band untersucht die Denkfigur vom tänzerischen Film und zeichnet ihr Entstehen im Kontext der intermedialen Geschichte von früher Filmkultur und modernem Tanz zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach. 
Erarbeitet wird ein Theorie- und Analysemodell, das danach fragt, unter welchen ästhetischen, gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen Filme als «Tanz» erfahrbar werden. Aus dieser Perspektive wird die Geschichte des tänzerischen Films an einer Fülle von bislang kaum beachteten historischen Materialien – Filme, Filmtheorien, Aufführungspraktiken – entfaltet. Das Spektrum reicht von den Tanz- und Trickszenen des frühen Kinos über wissenschaftliche Bewegungsstudien, Tanz- und Kulturfilme, Filmkomödien und Melodramen der 1910er Jahre bis hin zu den ‹absoluten› Experimentalfilmen der 1920er und 1930er Jahre. Erstmals in den Blick genommen werden auch die Reaktionen moderner Tänzer, Choreographen und Tanztheoretiker wie Isadora Duncan, Rudolf von Laban und Mary Wigman auf den Film.
 

Daniel Wiegand: Gebannte Bewegung. Tableaux vivants und früher Film in der Kultur der Moderne. Marburg: Schüren, 2016. (Zürcher Filmstudien 36)

Cover Gebannte Bewegung

Als Tableaux vivants oder ‹lebende Bilder› bezeichnet man von lebenden Personen nachgestellte Gemälde oder Skulpturen. Um 1900 erfreute sich diese eigenartige Form der Schaustellung unter anderem auf den Bühnen der großen Varietétheater, auf Volksfesten und bei Vereinsabenden großer Beliebtheit. Der vorliegende Band zeigt, dass Tableaux vivants als wesentlicher Bestandteil der visuellen Kultur dieser Jahre auch einen Bezugsrahmen für die Entstehung des neuen Massenmediums Film bildeten. Dabei werden diverse intermediale Konstellationen in den Blick genommen: gemeinsame Aufführungskontexte und Publikumsschichten, aber auch Filme, die bewusst auf Inszenierungsweisen der älteren Unterhaltungsform zurückgriffen.
Der Band präsentiert eine Fülle an historischem Material zu Tableaux-vivants-Aufführungen um 1900 und analysiert zugleich zahlreiche Filme aus dem internationalen Kino der Attraktionen bis 1914, u.a. die magischen Trickfilme von Georges Méliès und Segundo de Chomón, frühe Filmburlesken von Pathé und Gaumont sowie Aufnahmen populärer Varieténummern. Er leistet zudem eine eingehende Auseinandersetzung mit der frühen Filmtheorie der Jahre um 1910.
 

Jörg Schweinitz, Daniel Wiegand (Hg.): Film Bild Kunst. Visuelle Ästhetik des vorklassischen Stummfilms. Marburg: Schüren, 2016. (Zürcher Filmstudien 35)

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In der Filmgeschichtsschreibung galt die ästhetische Anverwandlung von Bildwelten und Formen etablierter Künste und Medien durch das junge Kino lange als ein Problem. Schien all dies doch von der ‚eigentlichen Aufgabe’ wegzuführen, ja daran zu hindern, das Einmalige, Spontane und Unverbrauchte, das in ästhetischer wie publikumssoziologischer Hinsicht grundlegend Neue, kurz: die mediale Spezifik des Films zu entdecken und den Ausdruck des Mediums entsprechend zu entwickeln. Der hier vorgelegte Band steht hingegen für einen Zugang, der die Entwicklung der neuen Möglichkeiten des Kinos historisch innerhalb der visuellen Kultur seiner Zeit betrachtet und transmediale Austauschprozesse von Beginn an als wesentlich und ertragreich für die Entwicklung der Filmästhetik ansieht. Der Band thematisiert die Ästhetik des Filmbildes im vorklassischen Kino – mit einem deutlichem Akzent auf der zweiten Dekade (also den Jahren um und nach 1910). 

Julia Zutavern: Politik des Bewegungsfilms. Marburg: Schüren, 2015. (Zürcher Filmstudien 34)

Bewegungsfilme mischen sich in politische Debatten ein. Sie werden als Ausdruck, Sprachrohr, Instrument oder Legitimation einer sozialen Bewegung wahrgenommen und können zur Verbreitung, aber auch zur Spaltung dieser Bewegung beitragen. Die Interpretationen und Reaktionen, zu denen sie führen, sind oft nur vor dem Hintergrund zeitgenössischer Auseinandersetzungen und der daraus resultierenden Befindlichkeiten und Erwartungen zu verstehen. Der Band untersucht die spezifischen Formen und Wirkungen von Bewegungsfilmen aus historisch-pragmatischer Perspektive. Die Autorin zeigt an fiktionalen und dokumentarischen Beispielen aus Deutschland und der Schweiz (von 1965 bis 1995) und einer Fülle von bislang kaum beachteten Produktions- und Rezeptionsdokumenten, unter welchen ästhetischen, gesellschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen Filme und Videos politisch aufgefasst und wirksam werden. Berücksichtigt sind Arbeiten aus dem Kontext der 68er-Proteste und der Neuen Sozialen Bewegungen, u.a. Chicorée, Krawall, Brecht die Macht der Manipulateure, Ruhestörung, ReduPers, Grauzone, Züri brännt und Passt bloss auf.

Till Brockmann: Die Zeitlupe – Anatomie eines filmischen Stilmittels. Marburg: Schüren, 2013. (Zürcher Filmstudien 33)

Obwohl die Zeitlupe seit den Anfängen des Kinos ein ebenso spektakulärer wie beliebter Spezialeffekt ist und besonders in den letzten Jahrzehnten im Spiel- und Dokumentarfilm, in TV-Sportreportagen, Werbefilm und Videoclip immer intensiver zum Zuge kommt, gibt es bislang wenige Studien, die sich eingehend mit dem Phänomen befassen. Das vorliegende Werk bietet einen handbuchartigen und umfassenden Überblick über Geschichte, Theorie, Technik und vor allem narrative Verwendung sowie ästhetische Prägung dieses aussergewöhnlichen Stilmittels. Die Arbeit belegt anhand von umfangreichen Forschungsmaterial (mehr als 280 analysierten Filmen) und vielen Beispielen, wie vielschichtig die erzählerischen Funktionen der Zeitlupe sind und wie sie zumeist in synergetischer Kombination auftreten.

Guido Kirsten: Filmischer Realismus. Marburg: Schüren, 2013. (Zürcher Filmstudien 32)

Das Thema ‹Realismus› begleitet den Film seit seinen Anfängen und gehört in der Filmkritik und -theorie zu den meistdiskutierten Gebieten. Der vorliegende Band trägt zur begrifflichen Klärung bei, indem er zwischen dem ‹Realismus des Films› und dem ‹Realismus im Film› unterscheidet. Als Realismus des Films werden die Bezüge des Mediums zur physischen und phänomenalen Wirklichkeit gefasst und über die Begriffe der Indexikalität und des Realitätseindrucks entfaltet. Der Realismus im Film bezeichnet dagegen eine bestimmte Ästhetik im Unterschied zu anderen. Ihm widmet sich der Band aus semiopragmatischer Perspektive und expliziert, was es heißt, einen Film ‹realistisch» zu ‹lesen›. Neben Beispielen aus dem chinesischen und iranischen Kino und der Berliner Schule werden besonders der französische Film der 1910er Jahre, der Neorealismus im Nachkriegs-Italien und das rumänische Kino seit der Jahrtausendwende untersucht.

Christine N. Brinckmann: Farbe, Licht, Empathie. Schriften zum Film 2. Marburg: Schüren, 2014. (Zürcher Filmstudien 31)

Farbe, Licht, Empathie – drei zentrale Bereiche filmwissenschaftlicher Forschung, denen sich dieser Band widmet.
Als formale Elemente sorgen Farbe und Licht nicht allein für den Look eines Films, sondern heben hervor, trennen Wichtiges von Akzidentellem, stellen Verbindungen her und fungieren als Motive. Sie schaffen subtil Atmosphären, setzen Akzente, gliedern die Komposition und erzeugen Bildspannung. Nicht zuletzt verdankt sich die Einfühlung in den Film diesen vermeintlich selbstverständlichen Mitteln. Empathie – das zeigen die Analysen von Spiel-, Dokumentar- und Tierfilm – ist die Schnittstelle zwischen dem Film und seinem Zuschauer, Grundlage unserer Gefühle im Kino.

Philipp Brunner, Jörg Schweinitz, Margrit Tröhler (Hg.): Filmische Atmosphären. Marburg: Schüren, 2012. (Zürcher Filmstudien 30)

Filmische Atmosphären

Was meinen wir, wenn wir von der ‹Atmosphäre› in Film und Kino sprechen? In erster Linie verschiedene Empfindungsräume, an die sich subtile Wahrnehmungen und Stimmungen binden: Seien es mit filmischen Mitteln gestaltete Momente und Orte auf der Leinwand; seien es einnehmende Situationen und Dispositive – vom Daumenkino bis zum Openair-Festival –, in denen wir Filme schauen und uns von ihnen berühren lassen.
Erstmals in der deutschsprachigen Filmwissenschaft nähern sich Autorinnen und Autoren eines Bandes den unterschiedlichsten Facetten dieses Themas. Sie fragen nach ästhetischen, materiellen, technologischen und sozialen Aspekten filmischer Atmosphären ebenso wie nach historischen Wahrnehmungsräumen: Wann ist ein Film ‹atmosphärisch dicht›? Oder welche atmosphärischen Effekte erzeugen Filme von Tom Tykwer, Gus Van Sant oder Jean-Pierre Melville, von Kurt Kren oder Hans Richter, von Friedrich Wilhelm Murnau oder Urban Gad? Welche Aura entwickeln Stummfilme heute? Wie fühlte man sich im Duftkino? Und kann ein Film auf dem iPhone ein atmosphärisches Erlebnis bieten?

Filmbulletin Rezension 5.13, S. 6 (PDF, 506 KB)

Tereza Smid: Poetik der Schärfenverlagerung. Marburg: Schüren, 2012. (Zürcher Filmstudien 29)

Die Schärfenverlagerung lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas Neues – und oft auch auf sich selbst. Dabei vermag sie nicht nur unseren mentalen Fokus zu verändern, sondern vermittelt überraschende Informationen, bestätigt vage Vorahnungen oder entfaltet ein sinnliches Spiel.
Der erste Teil des Bandes widmet sich vor allem der filmhistorischen Entwicklung, der zweite der Ästhetik der Unschärfe. Der dritte Teil untersucht narrative Funktionen des Stilmittels, insbesondere anhand von Schuß-Szenen und Spiegelungen. «Poetik der Schärfenverlagerung» betrachtet seinen Gegenstand in systematischer Weise und zeigt dessen reiches Wirkungspotenzial auf.

Veronika Rall: Kinoanalyse – Plädoyer für eine Re-Vision von Kino und Psychoanalyse. Marburg: Schüren, 2011. (Zürcher Filmstudien 28)

«Kinoanalyse» möchte nicht nur eine Rückblende auf die wechselseitigen Anziehungskräfte zwischen Kino und Psychoanalyse leisten, sondern versteht sich auch als Plädoyer für eine Re-Vision, die nach Konjunkturen und Krisen dieser Attraktion fragt. Dabei wird die psychoanalytische Filmtheorie der 1970er und 1980er Jahre einer kritischen Betrachtung unterzogen und historisiert. Zugleich stellt sich die epistemologische Frage nach dem Verhältnis von Kino und Psychoanalyse: Taugt diese als Interpretationsanleitung und kritische Methode, um Filme zu analysieren? Oder wäre aus einer Umkehrung – indem man sich in den Filmen erkundigt, wie die Psychoanalyse funktioniert – ein erkenntniskritischer Gewinn zu ziehen?
Anhand von sechs Filmbeispielen aus verschiedenen Epochen entdeckt «Kinoanalyse» die Psychoanalyse im Kino neu und beleuchtet Texte – von Sigmund Freud und Otto Rank, von Paula Heimann und Lou Andreas-Salomé, von Jacques Rancière und Ernest Becker –, die bislang noch nicht in den Kontext der Filmwissenschaft gestellt wurden.

Karl Sierek, Guido Kirsten (Hg.): Das chinesische Kino nach der Kulturrevolution Theorien und Analysen. Marburg: Schüren, 2011. (Zürcher Filmstudien 27)

Seit dem Ende der Kulturrevolution 1976 hat das festlandchinesische Kino verschiedene Phasen durchlaufen und erstaunliche Entwicklungen vollzogen. Im Zentrum dieses Buchs stehen Analysen herausragender Spielfilme der vierten bis sechsten Generation sowie wichtiger Werke der Neuen Dokumentarfilmbewegung. Angesprochen werden darin Fragen zur filmischen Raumkonstruktion, zum schwierigen Erbe des Maoismus und des Konfuzianismus, zur Politik des ‹post-sozialistischen Realismus›, zum Genderdiskurs in der Medienkultur und zur filmischen Darstellung der urbanen Metropolen. Sie werden ergänzt durch kritische Sichtungen chinesischer Filmtheorie und Bildgeschichte. Neben renommierten westlichen ExpertInnen wie Rey Chow, Chris Berry oder Bérénice Reynaud kommen einige der herausragendsten FilmtheoretikerInnen Chinas, unter anderem Dai Jinhua, Hu Ke und Lu Xinju, erstmals in deutscher Sprache zu Wort. Der Band leistet damit einen multiperspektivischen Beitrag zum Verständnis des faszinierenden chinesischen Filmschaffens und zum Dialog über die chinesische Kultur.

Gudrun Sommer, Vinzenz Hediger, Oliver Fahle (Hg.): Orte filmischen Wissens. Filmkultur und Filmvermittlung im Zeitalter digitaler Netzwerke. Marburg: Schüren, 2011. (Zürcher Filmstudien 26)

Was Film ist, muss unter den Bedingungen mobiler Medien und digitaler Netzwerke, die Bewegungsbilder überall und jederzeit verfügbar machen, neu gedacht werden. Was wir über Film wissen sollten, wenn wir uns mit einem Begriff, dessen Ursprünge in die Anfänge der Moderne zurückreichen, ‹gebildet› nennen wollen, ist bislang zumindest im deutschsprachigen Zusammenhang kaum je Gegenstand einer ernsthaften Debatte geworden. Der vorliegende Band greift diese beiden Stränge auf und stellt die Frage, was wir unter digitalen Netzwerkbedingungen (noch) unter Film verstehen, als Frage für und an die Film- und Medienwissenschaft und als Frage der Bildung. Der Band geht davon aus, dass Film ohne eine Untersuchung der Orte des filmischen Bildes derzeit nicht begriffen werden kann, und dass Bildung ohne Kenntnis der Genese und Funktionslogiken der gegenwärtigen Medienkultur, in deren Fokus der Film weiterhin steht, nicht mehr zu denken ist. Ein wichtiges Werk für alle Pädagogen, die Wissen über Filme nicht losgelöst von den modernen Orten in sozialen Netzwerken vermitteln wollen: «Wer sich heute mit Filmkultur befasst und Filmvermittlung betreiben will, muss die Dynamiken der social network markets auch und gerade im Bereich des Films mit in Rechnung stellen. Denn wer Wissen vermitteln will, sollte eine Vorstellung davon haben, was an Wissen schon vorhanden ist, auch dort, wo man es auf Anhieb nicht vermutet.» (Aus der Einleitung)

Robert Blanchet, Kristina Köhler, Tereza Smid, Julia Zutavern (Hg.): Serielle Formen: Von den frühen Film-Serials zu aktuellen Quality-TV- und Onlineserien. Marburg: Schüren, 2011. (Zürcher Filmstudien 25)

Serien wie Six Feet Under, Lost, The Wire oder Dexter sind das Ergebnis eines markanten Wandels, der sich in den letzten Jahren in der amerikanischen Fernsehlandschaft vollzogen hat und durchaus mit filmhistorischen Umbrüchen wie der Nouvelle Vague verglichen werden kann. Auch hier führten gesellschaftliche, technologische und wirtschaftliche Veränderungen zu einer aussergewöhnlich innovativen Schaffensperiode, in der eine neue Generation von Filmemachern die Normen der Unterhaltungsindustrie herausforderte und nachhaltig veränderte.
Der vorliegende Sammelband nimmt den bislang wenig erforschten Trend zum Anlass, um sich Phänomenen des Seriellen aus film-, medien- und kulturwissenschaftlicher Perspektive zu nähern. Neben den sogenannten Qualitätsserien aus den USA werden Fallbeispiele aus anderen Ländern und Kulturkreisen wie Lateinamerika beleuchtet. Historisch reicht das Spektrum von den Anfängen des Films bis hin zu den Remakes und Sequels des zeitgenössischen Blockbusterkinos. Mit einem Beitrag über Online-Serien ist neben Film und Fernsehen auch das Internet vertreten.

Imbert Schenk, Margrit Tröhler, Yvonne Zimmermann (Hg.): Film – Kino – Zuschauer: Filmrezeption /Film - Cinema - Spectator: Film Reception. Marburg: Schüren, 2010. (Zürcher Filmstudien 24)

Seit den 1990er Jahren werden in der Filmwissenschaft zunehmend Fragen nach der Rezeption, nach den Zuschauern und ihrer Nutzung von Film und Kino aufgeworfen. Die vorliegende Anthologie versammelt erstmals für den deutschen Sprachraum eine breite, internationale Palette solcher Forschungsansätze quer durch die Filmgeschichte und verschiedene Kulturen. Sie lotet die Schnittstellen zwischen historischen Kontexten, empirischen Daten und übergreifenden theoretischen Modellen aus und konfrontiert sie mit dem Filmerleben als sozialer und ästhetischer Praxis. In zahlreichen Fallbeispielen werden die Kinoerfahrung, die Reaktionen auf konkrete Filme, ihre Einbettung in das soziokulturelle und mediale Umfeld oder ihre Auswirkung auf den Alltag rekonstruiert. Besondere Aufmerksamkeit gilt der transnationalen Zirkulation und Rezeption von Filmen, deren Bedeutungspotenzial und sinnlich-emotionales Angebot in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen jeweils anders aufgenommen und verhandelt werden.

Matthias Christen: Der Zirkusfilm. Exotismus, Konformität, Transgression. Marburg: Schüren, 2010. (Zürcher Filmstudien 23)

Der Zirkusfilm ist ein ungewohnt zählebiges und wandlungsfähiges Genre. Zirkusfilme tauchen zu fast jeder Zeit und in nahezu allen Kinokulturen auf. Sie erscheinen als Melodramen, Komödien, Kriminal- oder Horrorfilme. Was macht den Zirkus zu einem derart effizienten und belastbaren Bedeutungsträger? Woher rührt die enorme Diversität, und was hält das Genre quer durch die Vielfalt der Erscheinungsformen zusammen?
Im Zirkus als exotischer Gegenwelt werden mittels ritualisierter Grenzüberschreitungen die Normen verhandelt, die für das jeweilige Umfeld konstitutiv sind. Der Zirkusfilm überführt diese eingeübten Praktiken der kulturellen Selbstverständigung in ein neues Medium und macht die geregelte Transgression zum Gegenstand von Erzählhandlungen. Anhand von gut hundert Filmbeispielen werden die Figurenprofile, Genderstereotypen und Erzählmuster herausgearbeitet, über die der Zirkusfilm Transgressivität ausstellt und zugleich begrenzt.

Britta Hartmann: Aller Anfang. Zur Initialphase des Spielfilms. Marburg: Schüren, 2009. (Zürcher Filmstudien 22)

Anfänge sind faszinierende Momente des Films, eine Herausforderung für Filmemacher wie Zuschauer: Der Anfang dient als Schwelle und Schlüssel zum Film, als Grundlage der Bedeutungsbildung, als Gebrauchsanweisung des Films, als Verweis auf kommende Attraktionen, als ‹Versprechen auf mehr› und als Ort, den der Zuschauer nicht nur hinter sich lässt, sondern zu dem er zurückkehrt. Der Anfang weckt Erwartungen und legt die Spuren, die in die Geschichte führen. Er etabliert die erzählte Welt, die Atmosphäre, den Stil und den Rhythmus des Films und errichtet so die Rahmen des Filmverstehens und ‑erlebens. Es ist der Anfang, der dafür sorgt, dass sich der Zuschauer auf die Fiktion einlässt.
Die Studie zeigt, entlang welcher Metaphern und Paradigmen über den Filmanfang nachgedacht wurde, bezieht Konzepte unterschiedlichster theoretischer Herkunft aufeinander und integriert sie zu einem textpragmatisch-narratologischen Initiationsmodell des Anfangs, das dessen vielfältigen Aspekten und Funktionen Rechnung trägt. Durch die Verquickung einer Poetik des Filmanfangs mit der Narrationstheorie und einer Pragmatik der Zuschauerbedürfnisse und -reaktionen entsteht ein generelles Modell der Wechselwirkung zwischen Filmgestalt und Filmlektüre. Indem sie den Film durch das Nadelöhr des Anfangs fädelt, eignet sich die Studie als Einführung in die Filmnarratologie und stellt zugleich einen Baustein zu einer Kommunikationstheorie des Spielfilms dar.

Christian Jungen: Hollywood in Canne$. Die Geschichte einer Hassliebe, 1939-2008. Marburg: Schüren, 2009. (Zürcher Filmstudien 21)

Das Festival von Cannes ist das größte und prestigeträchtigste Filmfestival der Welt. Es hat sich mit dem Wettbewerb um die Goldene Palme der Förderung der filmischen Vielfalt und dem Autorenkino verschrieben. In den letzten Jahren diente es aber auch regelmässig als Plattform für die Lancierung von Hollywoods Blockbustern wie Godzilla, The Matrix Reloaded oder X-Men: The Last Stand, die kaum dem Profil der Veranstaltung entsprechen und einen Grossteil der medialen Aufmerksamkeit absorbierten, auf Kosten des künstlerischen Kinos. Mit «Hollywood in Canne$» legt Christian Jungen die erste umfassende filmwissenschaftliche Studie zum spannungsreichen Verhältnis der amerikanischen Filmindustrie zum Festival von Cannes vor, von der Festivalgründung 1939 bis zur Gegenwart. Er untersucht, warum und wie Major Studios wie Warner Bros., Twentieth Century Fox oder Paramount in den verschiedenen Epochen am Festival teilnahmen, wie sie die Veranstaltung in den 40er und 50er-Jahren zu etablieren und legitimieren halfen, und wie sie den Rezeptionskontext mit dem roten Teppich nutzten, um mit Stars, Publicity Stunts, Press Junkets und Parties ihre kommerziellen Filme zu vermarkten. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem komplexen Abhängigkeitsverhältnis von Festival, Massenmedien und Studios.
«Hollywood in Canne$» erzählt mit Fallstudien zu Alfred Hitchcock, Bette Davis, Easy Rider, M.A.S.H., E.T., Basic Instinct, Last Action Hero oder The Da Vinci Code die Geschichte einer Hassliebe, die geprägt ist von Missverständnissen, Boykotten, Skandalen und Flops, aber auch von Freundschaft, Kooperation, Triumph und vor allem von grosser Passion fürs Kino. Der Autor argumentiert, dass der dauernd schwellende Kunst-versus-Kommerz-Konflikt zwischen den beiden Nationen, welche für sich beanspruchen, das Kino erfunden zu haben, für das Festival konstitutiv ist und letztlich seinen Erfolg ausmacht.

Kathleen Bühler: Autobiografie als Performance. Carolee Schneemanns Experimentalfilme. Marburg: Schüren, 2009. (Zürcher Filmstudien 20)

Zur autobiografischen Trilogie fasst Carolee Schneemann, amerikanische Malerin und Performancekünstlerin, ihre drei Experimentalfilme zusammen, welche sie in den 60er und 70er Jahren im Umfeld des Undergroundfilms gedreht hat. Die Trilogie behandelt sexuelle Lust, Schmerz und Vergänglichkeit in sensueller Dichte und poetischer Intensität – Ergebnis einer einzigartigen Mischung aus filmischen Techniken, malerischen Gestaltungsmitteln und performativen Strategien.
Die vorliegende Studie verwebt biografische Bezüge, ästhetische Belange und kreative Praxis zu einem dichten Text. Präzise Analysen wechseln sich ab mit Ausblicken in die Strömungen der New Yorker Kunstszene oder Schlaglichtern auf das Werk anderer Filmemacherinnen und Filmemacher. Über das Œuvre Schneemanns hinaus kommen allgemeine Fragestellungen zur Avantgarde, zum Umgang mit dem Privaten, zum Wesen des Performativen oder zur Proble­matik von künstlerischem Status und zeitgenössischer Rezeption zur Sprache.#text

Philipp Brunner: Konventionen eines Sternmoments. Die Liebeserklärung im Spielfilm. Marburg: Schüren 2009, 285 S. (Zürcher Filmstudien 19)

Im Alltag kommen Liebeserklärungen vergleichsweise selten vor, im Kino dagegen in scheinbar unzähligen Variaten. Doch wie sind sie tatsächlich inszeniert? Wie setzt das Kino eine Kernsituation um, die weitaus älter ist als das Medium Film? Welche Bilder – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – gehen daraus hervor? Welchen Vorstellungen sind sie verpflichtet? Und wie prägen sie ihrerseits unser amouröses Wollen, Sollen und Dürfen?
Diesen und weiteren Fragen geht der Autor in fünf Kapiteln nach, in denen er die sprachlichen, szenischen, emotionalen, dramaturgischen und sozialen Konventionen der filmischen Liebeserklärung freilegt. Er zeigt, warum die Liebeserklärung ein verbaler Hochseilakt ist, an welchen Schauplätzen sie bevorzugt geschieht und welchen Stellenwert dabei die Gesichter der Liebenden haben. Er beleuchtet ihr komplexes Gefühlsangebot und ihr dramaturgisches Potenzial. Und er beschreibt, weshalb sich schwule und lesbische Figuren so überaus selten die Liebe erklären.

Barbara Flückiger: Visual Effects. Filmbilder aus dem Computer. Marburg: Schüren, 2008. 528 S., zahlreiche Abbildungen in Farbe. (Zürcher Filmstudien 18) Mehr…

Am computergenerierten Bild scheiden sich die Geister. Ist der Computer ein kalter, berechnender Apparat, der an die Stelle von Menschen tritt und dem Film seine einstmals analoge Seele raubt? Die Autorin stellt die technischen Grundlagen und visuellen Aspekte des computergenerierten Filmbildes dar und erläutert die ästhetischen Konsequenzen.
Die Autorin untersucht die technischen Grundlagen der 3D-Modellierung und Animation, ihre Entwicklung und Praxis und diskutiert ihre Differenz zu herkömmlichen Methoden der filmischen Abbildungsverfahren. Aber auch die ästhetischen Aspekte werden analysiert: Ästhetische Konsequenzen des Zusammenpralls von Korn und Pixel, von additiven und subtraktiven Farbsystemen, von konventioneller Fotografie und mathematisch-naturwissenschaftlichen Modellierungsalgorithmen. Ein Standardwerk!

Matthias Brütsch: Traumbühne Kino. Der Traum als filmtheoretische Metapher und narratives Motiv. Marburg: Schüren, 2011, 420 S. (Zürcher Filmstudien 17)

Testimonials Traumbühne Kino

Traumbühne Kino hinterfragt die metaphorische Gleichsetzung von Film und Traum, die lange Zeit die Diskussion um das neue Medium beherrscht hat. In einem theoriegeschichtlichen Parcours durch einschlägige Gedankengebäude werden Aussagekraft, aber auch Problematik und ideologischer Kontext dieser Metapher beleuchtet.
Ein zweiter Schritt verlagert den Fokus vom Film als Traum zum Traum im Film. Narratologische, ästhetische, genre- und fiktionstheoretische Fragestellungen stehen hier im Vordergrund, um der Vielfalt der Phänomene gerecht zu werden: Wie greift das Medium Film auf Traum und Innenwelt seiner Figuren zu? Welche Gestaltungsformen haben sich durchgesetzt und weshalb? Wie wirken Sequenzen, die als «falsche Fährten» erst nachträglich irrealisiert werden oder ambivalent bleiben? Und welche Funktionen der Traumdarstellung sind in unterschiedlichen Epochen und Genres zu beobachten?
Die systematische Studie des Traummotivs im Film verbindet theoretische Klärungen mit konkreten Analysen und berücksichtigt Klassiker wie Spellbound, Rosemary’s Baby oder Nightmare on Elm Street genauso wie wenig bekannte Werke.
Testimonials (PDF, 63 KB)

 

 

Simon Spiegel: Die Konstitution des Wunderbaren. Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films. Marburg: Schüren, 2007, 396 S. (Zürcher Filmstudien 16)

Seit Jahren gehört die Science Fiction (SF) zu den populärsten und kommerziell erfolgreichsten Filmgenres überhaupt. Dennoch herrschte bislang ein Mangel an fundierten Untersuchungen zum Genre als Ganzem. «Die Konstitution des Wundebaren» ist als Grundlagenwerk angelegt, das die SF primär aus formaler und erzählerischer Sicht analysiert. Anhand eines Korpus von rund 300 Filmen wird ein theoretisches Gerüst entwickelt, das den SF-Film vor allem als filmische Erscheinung analysiert. Im Vordergrund steht dabei weniger die interpretierende Lektüre einzelner Filme, sondern vielmehr das Offenlegen formal-medialer Eigenheiten, die Frage, was die filmische Erscheinung der SF auszeichnet.
Die Untersuchung gliedert sich in zwei Teile. Der erste dient der Abgrenzung und Charakterisierung: Zuerst wird die SF von anderen ‹nicht-realistischen› Genres wie Phantastik, Fantasy, Märchen und Utopie unterschieden. Anschliessend wird die historische Entwicklung der SF-Literatur, ausgehend von der Gothic Novel des 18. Jahrhunderts bis zur amerikanischen Pulp-SF der 1920er Jahre, beleuchtet, wobei vor allem die Rolle der aktiven Fans bei der Entstehung der SF als eigenständiger Literatur betont wird.
Zu Beginn des zweiten Teils stehen bislang wenig beachtete fiktionstheoretische und narratologische Fragen im Vordergrund. Zentral ist hierbei vor allem die Erkenntnis, dass sich das Genre, in dem scheinbar alles möglich ist, in erzählerischer Hinsicht sehr konservativ gibt. Ein weiterer Schwerpunkt bildet das Konzept der Verfremdung: Durch den Zusammenstoß fremder Welten macht die SF ihre Geschichten fortlaufend fremd. Im Folgenden werden mit den Themenbereichen Erhabenes/Groteskes ästhetische und rezeptive Aspekte untersucht, wobei hier vor allem die Überwältigungstendenz des SF-Kinos im Vordergrund steht. Übergreifendes Thema der formalen Analysen ist der prägende Widerspruch des Genres: Die SF spielt einerseits in offensichtlich unmöglichen Welten, ist aber gleichzeitig immer darum bemüht, diese als plausibel erscheinen zu lassen. Diese Spannung zwischen (Pseudo-)Realismus und Wunderbarem ist typisch für jede Form von Fiktion, bei der wir immer angehalten sind, an Unmögliches zu glauben. In der SF wird dieses fiktionale Grundmoment aber in besonders ausgeprägter Form sichtbar.

Margrit Tröhler: Offene Welten ohne Helden. Plurale Figurenkonstellationen im Film. Marburg: Schüren, 2007, 576 S. (Zürcher Filmstudien 15)

Filme ohne einzelne Hauptfiguren sind in den 1990er Jahren zu einem transkulturellen Phänomen geworden. In Ensemble- und Mosaikkonstellationen entwerfen sie Welten ohne eigentliche Helden, erproben neue expressive Ausdrucksformen und (schwach) narrative Dynamiken. Durch ihre Ikonografien des Alltags und ihren fast ethnografischen Blick auf das Geflecht der Begegnungen entwickeln sie polyphone Möglichkeiten des azentrischen Erzählens. Zugleich verschieben sie die Grenzen zwischen Fiktion und Chronik – und erlauben so auch eine Konfrontation mit dem kulturellen Anderen.
Die Studie stellt die pluralen Figurenkonstellationen in eine facettenreiche Tradition, die bis zum Querschnittfilm der 1920er Jahre zurückreicht. Sie thematisiert ihre Auswirkungen auf Körperbilder, Schauspiel und Subjektkonzeption, Montage und Zuschaueraktivität und verankert sie in verschiedenen Kultur- und Theoriekontexten. Offene Welten ohne Helden versteht sich als Beitrag zur Erneuerung der Filmnarratologie.

Jan Sahli: Filmische Sinneserweiterung: László Moholy-Nagys Filmwerk und Theorie. Marburg: Schüren, 2006, 207 S. (Zürcher Filmstudien 14)

Das zwischen Film- und Kunstwissenschaft anzusiedelnde Buch von Jan Sahli widmet sich dem filmischen Werk und den filmtheoretischen Schriften des ungarischen Bauhausmeisters, Künstlers und Theoretikers László Moholy-Nagy (1895-1946). Obwohl dieser in der Kunstgeschichtsschreibung schon viel Beachtung gefunden hat, wurden seine Tätigkeiten im Bereich des Avantgardefilms bislang weitgehend vernachlässigt. Wie in Moholy-Nagys zahlreichen anderen Gestaltungsbereichen entfaltet sich aber auch hier seine innovative Schaffenskraft; dies sowohl in der zeitgemäßen theoretischen Konzeption des Mediums Film als auch in der faszinierenden ästhetischen Praxis.
Das Buch situiert das Filmwerk Moholy-Nagys im Kontext des eigenen künstlerischen, theoretischen und pädagogischen Schaffens und zeigt die wichtigsten kunst- und filmhistorischen Bezugspunkte auf. So erweisen sich die Filme geprägt von übergreifenden intermedialen Strukturen, die im Werkzusammenhang von Fotografie, Malerei und Fotogramm sowie kinetischer Kunst analysiert wird.
Was diese ästhetische Vernetzung der Kunstformen hauptsächlich bestimmt, ist Moholy-Nagys theoretisch-pädagogische Leitidee der Erweiterung der sinnlichen Warhnehmung. Diese führt dezidiert über mediale Grenzen hinweg und verlangt nach einem Neuen Sehen, sei es in bildender Kunst, Fotografie oder Film.

Ursula von Keitz: Im Schatten des Gesetzes. Schwangerschaftskonflikt und Reproduktion im deutschsprachigen Film 1918-1933. Marburg: Schüren, 2005 (Zürcher Filmstudien 13)

Das Buch beruht auf Forschungen zu bis heute schwer zugänglichen, vielfach nur fragmentarisch erhaltenen oder auch verschollenen Filmen aus dem Zeitraum zwischen 1918 und 1933, die sich dem Problem des Schwangerschaftskonflikts und möglicher ‚Lösungen‘ in fiktionalen und halb-fiktionalen Formen widmen. Es beschreibt das ästhetische Formenrepertoire, die Symbole, Bild- und Sprachformeln, mit denen diese Filme – oft in enger Beziehung zur zeitgenössischen Bildenden Kunst, Literatur und Theater – den Themenkomplex kinematographisch konkretisieren. Es werden Filme wie Cyankali und Kuhle Wampe herangezogen, aber auch weniger bekannte zeitgenössiche Aufklärungsfilme.

Matthias Brütsch, Vinzenz Hediger, Alexandra Schneider, Margrit Tröhler, Ursula von Keitz (Hg.): Kinogefühle: Emotionalität und Film. Marburg: Schüren, 2005, 240 S. (Zürcher Filmstudien 12)

Keine andere Kunstform produziert so intensive und vielfältige Gefühlsreaktionen wie das Kino. Gleichwohl ist das Gefühlsleben der Zuschauerinnen und Zuschauer erst seit neustem zum zentralen Thema der filmwissenschaftlichen Diskussion geworden. In den letzten zehn Jahren haben Filmwissenschafter unterschiedlicher Denkrichtungen eine Vielfalt von Ansätzen und Modellen entwickelt, um den Emotionen im Kino auf die Spur zu kommen. Vorarbeiten aus der Psychologie, der analytischen Philosophie und Kognitionswissenschaft werden ebenso beigezogen wie Überlegungen aus der Ästhetik.
Im Sinne einer Momentaufnahme verbindet «Kinogefühle: Emotionalität und Film» Originalbeiträge mit Übersetzungen wichtiger Texte aus der aktuellen Debatte und bringt Vertreter der wichtigsten Denkrichtungen erstmals in einem Band in deutscher Sprache zusammen.
Verhandelt werden Themen wie die Gefühlsbindung an Filmfiguren, die emotionale Wirkung von Filmmusik, der Zusammenhang von Gefühlserleben und Moral, die Kodierung von Emotion im Bollywood-Kino oder der Zusammenhang von Emotion und Dokumentarfilm, aber auch kulturhistorische Aspekte wie die Wurzeln des Film-Melodramas im Theater der Empfindsamkeit.
Namhafte Autoren wie Raymond Bellour, Francesco Casetti, Hermann Kappelhoff, Thomas Elsaesser, Murray Smith, Christine Noll Brinckmann, Ed Tan, Richard Dyer, Hans-Jürgen Wulff, Linda Williams oder Heide Schlüppmann schreiben über Filme wie Mandingo, Kuhle Wampe, Der weisse Hai, La bête humaine, The English Patient, Abre Los Ojos, Trainspotting und Rio Bravo sowie Fernsehserien wie Star Trek und 24.

Yvonne Zimmermann: Bergführer Lorenz. Karriere eines missglückten Films. Marburg: Schüren, 2005, 336 S. (Zürcher Filmstudien 11)

Bergführer Lorenz: Karriere eines missglückten Films ist eine symptomatische Fallstudie zum Schicksal eines Schweizer Films aus den 1940er Jahren, der exemplarisch für eine filmhistorische Epoche steht und auf verschiedene relevante Bereiche der Filmgeschichte über die nationalen Grenzen hinaus ausstrahlt. Auf der Grundlage akribischer historischer Recherchen zeichnet die Studie die Überlieferungsgeschichte von Bergführer Lorenz (Eduard Probst, CH 1942/43) nach, ordnet ihn in den historischen Kontext der Geistigen Landesverteidigung ein und gibt Einblicke in die damaligen Produktionsverhältnisse und Rezeptionsweisen von Publikum und Presse, in nationale und internationale Vermarktungsstrategien, filmpolitische Verhältnisse und zeitgenössische Mentalitäten.

Vinzenz Hediger, Patrick Vonderau: Demnächst in Ihrem Kino! Grundlagen der Filmwerbung und Filmvermarktung. Marburg: Schüren, 2005. (Zürcher Filmstudien 10)

Im Zeitalter des Blockbuster-Kinos kosten Filmwerbung und Filmvermarktung fast ebensoviel wie ein Film selbst. Intensität und Volumen der Kampagnen entscheiden über Marktanteile und damit auch über die Chancen kleinerer Filme, überhaupt gesehen zu werden. Verleihfirmen stilisieren ihre Produkte zu Ereignissen mit allumfassender Medienpräsenz. Filmwerbung ist zu einem allgegenwärtigen Medieninhalt geworden, dessen ökonomische und kulturelle Bedeutung kaum überschätzt werden kann.
Als erster deutschsprachiger Sammelband vereint «Demnächst in ihrem Kino» Erstübersetzungen und Originalbeiträge von Autoren aus Europa und den USA. Fachleute aus Medienwissenschaft, Ökonomie und Werbepraxis geben eine aktuelle Einführung in die Problematik der Filmwerbung und erlauben Vertiefungen an einer Vielzahl von Einzelaspekten: Von der DVD-Edition über die Mundpropaganda bis zum Star-Interview, von The Tingler bis Amelie und Dogma 95.
Mit Beiträgen von Joël Augros, Joan Kristin Bleicher, Joëlle Farchy, Joseph Garncarz, Mary Beth Haralovich, Fritz Iversen, Janet Staiger, John Waters
und anderen.

Alexandra Schneider: Die Stars sind wir. Heimkino als filmische Praxis. Marburg: Schüren, 2004, 272 S. (Zürcher Filmstudien 9)

Anfang der Zwanzigerjahre kamen in Europa und den USA die ersten Amateurfilmkameras und -projektoren auf den Markt. «Die Stars sind wir»: Selber einmal Regie zu führen und auf der privaten Leinwand für einen Moment ein Filmstar zu sein, ist für viele Menschen mit Vergnügen verbunden – einem Vergnügen, das nicht erst durch das Privatfernsehen geweckt wurde, wie heute gern behauptet wird. Seit es Film gibt, investieren immer mehr Menschen Zeit und Geld, um die kinematografische Technik auch im Privaten anzuwenden. Sie kaufen Kameras, Projektoren, Leinwände; sie dokumentieren die ersten Schritte ihres Nachwuchses und filmen ihre Aktivitäten an Feiertagen oder auf Reisen. Was man in den Filmen aus der Anfangszeit des Amateurfilms zu sehen bekommt, ist weit gehend eine comédie bourgeoise. Obwohl mit den in den Zwanzigerjahren aufkommenden Amateurfilmklubs spezielle Arbeiterfilmklubs gegründet werden, sind es vorwiegend Kamerabesitzer aus bürgerlichem Milieu, die sich und ihre Angehörigen filmisch festhalten. Doch was genau ‹tut› der Familienfilm? Auf welche Art und Weise und zu welchem Zweck wird im Privaten gefilmt? Diesen Fragen geht Alexandra Schneider nach.

Henry McKean Taylor: Rolle des Lebens Die Filmbiographie als narratives System. Marburg: Schüren, 2002. 412 S. (Zürcher Filmstudien 8)

Die Filmbiographie ist eines der ältesten und vielschichtigsten Filmgenres überhaupt. Von Abel Gances Napoléon über die US-Biopics der Dreißigerjahre bis zu Oliver Stones umstrittenen Präsidentenfilmen JFK und Nixon reicht der Fächer der bekannten Beispiele dieser Filmgattung, die immer wieder zu leidenschaftlichen Kontroversen über Geschichte und ihre Darstellung im Kino Anlass gab. 
Mit «Rolle des Lebens» legt Henry McKean Taylor die erste umfassende Aufarbeitung des Genres aus theoretischer Sicht vor. Er behandelt die kulturhistorischen Hintergründe und gesellschaftlichen Implikationen der Filmbiographie und analysiert aus erzähltheoretischer Perspektive zahlreiche Beispiele, wobei er sich im Unterschied zu Studien aus dem angelsächsischen Raum nicht auf Filme des Hollywood-Kinos beschränkt, sondern auch europäische und sowjetische Werke berücksichtigt: Neue Deutsche Filme wie Jutta Brückners Kolossale Liebe, Francesco Rosis Mafia-Biographie Lucky Luciano oder auch Sergej Paradshanows Sajat Nowa.

Thomas Christen: Das Ende im Spielfilm. Vom klassischen Hollywood zu Antonionis offenen Formen. Marburg: Schüren, 2001. 244 S. (Zürcher Filmstudien 7)

Ein Film kann ganz unterschiedlich enden: Mit der Lösung eines Rätsels, mit der Herstellung einer stabilen Ordnung und mit einem spektakulären Schluss, bei dem das Visuelle im Vordergrund steht und die Story keine Rolle mehr spielt.
Was ist das Film-Ende und wie funktioniert es? In drei unterschiedlichen Ansätzen gibt das Buch Antworten auf diese grundsätzliche Fragestellung und beschäftigt sich neben einer theoretischen Fundierung und ästhetischen Typologie vertieft mit dem Werk des großen Stilisten und exemplarischen Vertreters des modernen Kinos Michelangelo Antonioni.

Barbara Flückiger: Sound Design. Die virtuelle Klangwelt des Films. Marburg: Schüren, 2001. 517 S. (Zürcher Filmstudien 6) (2. Auflage 2002, 3. Auflage 2006, 4. Auflage 2010, 5. Auflage 2012.) Mehr…

Mitte der 70er Jahre begann sich das ästhetische Vokabular des Filmtons auffällig zu verändern. Plötzlich sausten kreischende Jets über die Köpfe des Publikums und Hubschrauber durchflogen alle vier Quadranten des Kinoraums. Neu erschienen auch das Dolby-Stereo-Logo und die Berufsbezeichnung Sound Designer auf der Leinwand. Eine Generation von tonbesessenen Regisseuren wie Francis Ford Coppola, George Lucas oder Martin Scorsese hatte das suggestive Potenzial des totalen Sound erkannt.
«Sound Design – die virtuelle Klangwelt des Films» analysiert die jüngsten klangästhetischen Entwicklungen des amerikanischen Mainstreamfilms. Das Buch durchleuchtet Konventionen und scheinbare Selbstverständlichkeiten und öffnet den Zugang zur komplexen Architektur der filmischen Tonspur.

Vinzenz Hediger: Verführung zum Film: Der amerikanische Kinotrailer seit 1912. Marburg: Schüren, 2001, 304 S. (Zürcher Filmstudien 5)

Der Kinotrailer ist Kernelement jeder Filmwerbekampagne. In den globalen Medienkonglomeraten der Gegenwart, die zu einem wesentlichen Teil von Film und Filmvermarktung leben, kommt ihm eine Schlüsselrolle zu.
Mit «Verführung zum Film» legt Vinzenz Hediger die erste umfassende filmwissenschaftliche Studie zum Trailer vor. Ausgehend von einer Analyse von über 2000 Beispielen schildert der Autor die Entwicklung des Formats von den Anfängen bis in die Gegenwart. Behandelt werden u.a. folgende Filme: A Star Is Born, Casablanca, The Color of Money, La Dolce Vita, Dr. Strangelove, The Godfather, Gone with the Wind, Jaws, Paths of Glory, Rope, Three Days of The Condor u.v.m.

Vinzenz Hediger, Jan Sahli, Alexandra Schneider, Margrit Tröhler (Hg.): Home Stories. Neue Studien zu Film und Kino in der Schweiz. Nouvelles approches du cinéma et du film en Suisse. Marburg: Schüren, 2001, 360 S. (Zürcher Filmstudien 4)

Gibt es den Schweizer Film und wie soll man ihn beschreiben? In 23 Beiträgen zu verschiedenen Aspekten präsentieren ForscherInnen aus der Deutsch- und Westschweiz und aus Deutschland eine Vielfalt von Ansätzen jenseits der gängigen Kategorien der Nationalkinematografie. 
Die monografische Darstellung nationaler Kinematografien stellt seit jeher ein Hauptfeld filmwissenschaftlicher Forschungs- und Publikationstätigkeit dar. In den letzten Jahren allerdings wurde das Konzept des Nationalkinos einer kritischen Revision unterzogen. Hervorgegangen aus einer Tagung an der Universität Zürich, leistet «Home Stories» einen Beitrag zu dieser Diskussion.

Christine N. Brinckmann: Die anthropomorphe Kamera: Aufsätze zur filmischen Narration. Zürich: Chronos, 1997. 320 S., Ill. (Zürcher Filmstudien 3)

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Spielfilm, Dokumentarfilm oder Experimentalfilm, Film als erzähltheoretisches Problem und ästhetisches Ereignis: Christine N. Brinckmanns Aufsätze führen durch ein breites Spektrum von Gattungen und Genres.

Mit analytischem Blick behandelt die Autorin Fragen der fiktionalen und dokumentarischen Darstellung, der Zuschauerempathie, des Kameragestus oder der Geschlechterspezifik – komplexe Strukturen werden zu Quellen von Erkenntnis und wissenschaftlicher Theoriebildung.  

 

Mariann Lewinsky: Eine verrückte Seite: Stummfilm und filmische Avantgarde in Japan. Zürich: Chronos, 1997. 441 S., Ill. (Zürcher Filmstudien 2)

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Es gibt nicht nur in der Archäologie, sondern auch in der Filmgeschichte sensationelle Funde: 1971 tauchte der japanische Avantgardefilm «Eine verrückte Seite» (Kurutta Ippeiji) aus dem Jahr 1926 wieder auf, ein visuell überwältigendes Meisterwerk von Kinugasa Teinosuke, ebenso faszinierend wie schwer verständlich. 

Mariann Lewinsky, Japanologin und Filmhistorikerin, erschliesst die Entstehungsgeschichte von «Eine verrückte Seite» im Kontext der japanischen Avantgarde. Wichtige Quellentexte sind in Übersetzungen zugänglich gemacht, darunter das Drehbuch, Tagebuchauszüge und eine die Dreharbeiten beschreibende Kurzgeschichte des späteren Nobelpreisträgers Kawabata Yasunari, damals ein junger Literat der Avantgarde der Neuen Wahrnehmung. Im Zentrum steht aber die sorgfältige, sensible Interpretation des Films, der uns nicht nur als ein historisches Ereignis und als altes, von der Zeit fragmentiertes Objekt begegnet, sondern auch als ein gegenwärtiges Kunstwerk. 
Die Erforschung und Interpretation dieses einzelnen Films wird zum Anlass einer Einführung in den japanischen Stummfilm. Mit grosser Sachkenntnis und Anschaulichkeit schildert die Autorin Aspekte wie den anderen gesellschaftlichen Status von Film, das Verhältnis von Film und Theater, das Benshikino der Filmerzähler, die Ökonomie des Filmmarktes, die Geschichte der Filmkonservierung in Japan und vor allem das komplexe Verhältnis zwischen Japan und dem Westen. Schliesslich geht es um grundsätzliche Probleme der Beziehung zwischen zwei sich fremden Kulturen und zwischen zwei sich fernen Zeiten, der Gegenwart und der Vergangenheit. 

Henry McKean Taylor: Der Krieg eines Einzelnen = La guerre d’un seul homme. Eine filmische Auseinandersetzung mit der Geschichte. Zürich: Chronos, 1995. 263 S., Ill. (Zürcher Filmstudien 1)

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Wie wird Geschichte erlebt? Was muss die Geschichte auslassen, um sich selbst zu konstituieren? Und ist eine «filmische Historiographie» in einer propagandafreien Form vorstellbar? 
Am Beispiel des essayistischen Kompilationsfilms Der Krieg eines Einzelnen (1981) des Argentiniers Edgardo Cozarinsky versucht das vorliegende Buch in einer mehrteiligen Analyse Fragen und Antworten zu artikulieren. 
Historischer Fokus ist die Pariser Okkupation (1940-1944). Mit Bildern französischer Kriegswochenschauen verbinden sich einerseits Texte des deutschen Schriftstellers und damaligen Besatzungsoffiziers Ernst Jünger, andererseits Originalkommentare französischer Wochenschausprecher. 
Über eine komplexe Montage vorgefundener zeitgenössischer Medialisierungen, darunter auch klassischer Musik, wird die Pariser Besatzungszeit von Cozarinsky nicht erklärt, sondern polyphon inszeniert. Damit werden zugleich Möglichkeiten einer spezifisch filmischen Erzähl- beziehungsweise Darstellbarkeit von Geschichte skizziert.