Natur-Film-Begriffe. Positionen zur filmisch-sinnlichen Begriffsbildung der Natur

Dr. Philipp Blum
Habilitationsprojekt

Das Projekt untersucht den Film als Form einer philosophischen Begriffspraxis. Wenn, wie Gilles Deleuze und Félix Guattari schreiben, die Philosophie die Kunst der Bildung, Erfindung und Herstellung von Begriffen sei, dann stellt sich für den Film die Frage nach audiovisuellen Weisen der Begriffsbildung, -erfindung und -herstellung. Einerseits ist der Film stets als eigenwirklich und semiotisch autonom aufzufassen, da er Reales ebenso wie Imaginäres in Bilder und Töne transformiert und diese wiederum mit eigener Realität und eigenem Imaginärem ausstattet. Andererseits ist der Film gleichzeitig mit einer einmaligen Wahrnehmungsqualität ausgestattet, die sich in seinem wirklichen Erlebnis als Wirkung vollzieht und dieses Erleben an die Wirklichkeit der Dinge anhaftet. Vor diesem Hintergrund ist die filmische Form des Begriffs als Vollzug des Begreifens im ‘Aussagen’ seiner selbst aufzufassen und ebenso in einem technisch-ästhetischen Bezugssystem beschlossen, das die Sinne ebenso adressiert wie das Denken. Filmische Begriffsbildung ist also ein zeichenhaft komplexer Vorgang, der eine technisch komplexe Herstellung voraussetzt und als Erfindung ein Wahrnehmungsaggregat epistemisch eigenen Rechts darstellt.

In diesem Zusammenhang scheint die Natur als Gegenstand eines Filmbegriffs von herausragendem Interesse: Mit Natur verbindet sich nicht selten die romantische und/oder archaische Vorstellung des technisch und zivilisatorisch Entrückten, das im Falle seines Filmisch-Werdens gerade erst durch technisch-zivilisatorischen Aufwand begreifbar gemacht werden kann. Demgegenüber ist kaum ein filmischer Gegenstand derart von seiner filmischen Formierung durchdrungen – von der in Landschaft verwandelten dokumentierenden Naturaufnahme über die Ausmalungen und Aufbauten natur-synthetisierender Kulissen bis hin zu ihrer Aus=Deutung in Form von Animationen und digitalen Surrogaten. Der Film, so liesse sich in Anlehnung an Godard formulieren, ersetzt dem Blick eine Natur, die mit ihrem Bild (und ihrem Klang) übereinstimmt – das vorliegende Projekt untersucht diese Ersetzung als sinnliche Philosophie eines Natur-Film-Begriffs.