Würdigung Filmgeschichte II: vom Beginn des Tonfilms bis zum Neorealismus
Vorlesung im Wintersemester 1982/83 an der Universität ZürichHeadline
Thomas Christen
«Filmgeschichte II» war der zweite Teil des gross angelegten Unternehmens, einen Filmgeschichtsüberblick von der Anfängen bis zur Gegenwart in Form einer mehrsemestrigen Vorlesung zu geben. Teil 1 bildete die 1980 gehaltene und 1982 publizierte Filmgeschichte I: von den Anfängen bis zum Tonfilm. Viktor Sidler führt in diesem zweiten Teil die bereits zuvor praktizierte Methode durch, die Geschichte des Films anhand künstlerisch bedeutsamer Epochen, aber auch unter Einschluss des Mainstream-Films unter ästhetischen, soziologischer und ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten und miteinander in Beziehung zu setzen. Im Untertitel der Vorlesung unausgesprochen bezieht er immer auch die technologischen Aspekte mit ein, die gerade im diesem zweiten Teil mit der Einführung des Tonfilms von fundamentaler Wichtigkeit ist.
Diese Vorlesung war seine letzte an der Universität Zürich im Wintersemester 1982/83. Ihre Fortsetzung fand sie dann in der Vorlesung «Nouvelles Vagues» über die Erneuerungsbewegungen der Fünfziger- und Sechzigerjahre im Wintersemester 1984/85 an der ETH. Zudem wurden Teile der Vorlesung unter dem Titel «Film, Kino und Gesellschaft in den Dreissigerjahren» 1987/88 an der ETH wiederholt und vertiefter dargestellt.
Die Vorlesung «Filmgeschichte II» war für viele Studierende weitgehend Neuland. Sie waren mit dem Kino als Tonfilm aufgewachsen und hatten sich kaum je Gedanken darüber gemacht, wie der synchrone Ton zum Film kam und welche Normierungsprozesse damit verbunden waren. Zwar kannte man natürlich die Slapsticks und die späteren längeren Film eines Charlie Chaplins oder Buster Keaton. Aber die Dreissigerjahre galten für viele als eine Übergangsepoche, in der der Film gleichsam nach gefundenem Synchronton seine eigene Bildsprache wiederfinden musste: ein Erzählen, das sich weitgehend auf Bilder abstützte. Sidlers Ausführungen zur Einführung des Tons und die Entwicklung spezifischer Genres, die den Ton innovativ nutzen, zeigte, wie schnell sich der Tonfilm an die neue Situation anzupassen wusste. Jene, die bereits zuvor die anderen Vorlesungen von Sidler verfolgt hatte, kann durch die «Jean Vigo»-Vorlesung im Wintersemester 1977/78 bereits den poetischen Realismus, in deren Zusammenhang Vigo zu setzen ist, also jene filmhistorische Bewegung, die nach der Krise des französischen Tonfilms Meisterwerke eines poesievollen, aber schwarzen Blicks auf die französische Arbeiterschaft hervorbrachten, getragen weitgehend durch unabhängige Produktionen. Die frühen Vierzigerjahre galten als Kriegsjahre und damit als politisch verseucht, als der Film weitgehend als Propagandainstrument (miss-)braucht wurde, ehe dann mit den Kriegsende der italienische Neorealismus als heller Stern der Moderne und der Rückkehr zu einem unideologischen (?) Umgang mit einer Realität voller Schäden und Zerstörung aufleuchtete. Der Neorealismus galt als modernes Kino, das dann in den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren die Fortsetzung in den verschiedenen neuen Wellen fand, die noch radikaler mit der Filmsprache experimentierten und einen subjektiven Zugang zur Darstellung der damaligen Jugend suchte.
Die Vorlesung «Filmgeschichte II» gliedert sich in folgende Themenblöcke und fand zwischen dem 25. Oktober 1982 und dem 15. Februar 1983 donnerstags in einem Nebengebäude der Universität Zürich an der Plattenstasse (damaliges Institut für Rechtswissenschaften) statt
| Vorlesung | Daten | Themen |
| 1–4 | 28.10.–18.11.1982 | Einführung des Tonfilms: was heisst Ton, frühere Experimente, Theorie des Filmfilms, Ton und Montage, Ton und Realismus |
| 5–7 | 25.11.–9.12.1982 | Der Unterhaltungsfilm Hollywoods und die Ausbildung tonspezifischer Genres: Musical, Gangsterfilm, Melodrama |
| 8–9 | 16.–23.12.1982 | Der Weg zum poetischen Realismus in Frankreich |
| 10 | 13.1.1983 | Film und Propaganda am Beispiel des Dokumentarfilms |
| 11 | 20.1.1983 | Der nationalsozialistische Film in Deutschland |
| 12–13 | 27.1.–3.2.1983 | Der faschistische Film Italiens und der sozialistische Realismus in der Sowjetunion |
| 14–15 | 10.–17.2.1983 | Hollywoods kritisches New-Deal-Kino und der Weg zu CITIZEN KANE |
| 16 | 24.2.1983 | Der italienische Neorealismus |
Dieser Überblick zeigt, dass sich Viktor Sidler zwar ausgiebig mit dem US-amerikanischen Kino sowohl in seiner eskapistischen, sehr zur Unterhaltung tendierenden Form sowie mit dem sozialkritischen Kino im Kontext von Roosevelts New Deal beschäftigt, dabei aber die Entwicklung des Film Noir zu Beginn der Vierzigerjahre weitgehend ausblendet. Zwar ist mit Orson Welles THE LADY FROM SHANGHAI durchaus ein zentrales Werk des Film Noir im Begleitprogramm zu finden, doch dies ist eher der überragenden Stellung von Welles zuzuschreiben und dem Kontext des Film Noir. Ich vermute, dass diese Entscheidung auf dem Hintergrund der Zuwendung zum New-Deal-Kino gefallen ist, das Sidler mit seiner gesellschaftlichen Relevanz näher stand als die düsteren Kriminalfilme, die erst auf den zweiten Blick auf gesellschaftliche Veränderungen und auf eine Irritation und Revision des Geschlechterverhältnisses offenbaren. Was Sidler mit «gestaltetes Hollywood» umschreibt, womit er vor allem Orson Welles mit seiner opulenten expressiven Bildsprache und seiner erzählerischen Innovationskraft, liesse sich auch im Film Noir finden, wobei die Film allerdings eher auch eine Neuinterpretation des Kriminal- oder Detektivfilms aus sind denn auf ein von einer grossen Selbsteinschätzung geprägten Autorenkinos eines Orson Welles, der sich mit LADY FROM SHANGHAI eigentlich von Hollywood verabschiedet.