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Überleben in der Simulation. Körperbasierte Konzepte des Kinos

Dr. Babylonia Constantinides
Referentin: Prof. Dr. Fabienne Liptay

In der Versuchsanordnung der Simulation zeigt sich das Überleben in seiner strukturellen Zerstörung und Zuneigung, während der Blick auf das Überleben die komplexe Einbettung der Simulation als körperpolitische Kulturtechnik einholt. Diese Verschränkung beobachte ich in einer Reihe zeitgenössischer westlicher Autor*innenfilme, die nekro- oder plazentapolitische Überlebensmodi und Simulationsmechanismen in den Körpern der Gegenwartsgesellschaft verortet. Mit materialnahen Analysen und neomaterialistischen Theorien transponiere ich die Simulation und das Überleben begrifflich, indem ich ihre körperbasierten Konzeptionen offenlege und damit Grundsätze der androzentrischen Virtualität des körperlosen Simulierens und Überlebens überhole.

Anwesende Gestorbene, ausgetauschte Tote, vermeintlich Verstorbene und traumatisiert Lebende aus „Wandafuru Raifu“ (Hirokazu Kore-eda, JP 1998), „Les Revenants“ (Robin Campillo, FR 2004), „Alpeis“ (Yorgos Lanthimos, GR 2011), „Phoenix“ (Christian Petzold, DE 2014), „Remainder“ (Omer Fast, UK/DE 2015), „Get Out“ (Jordan Peele, US 2017), „Titane“ (Julia Ducournau, FR/BE 2021) und „The Eternal Daughter“ (Joanna Hogg, UK/US 2022) verhandeln ihre Erfahrungswelten in feindlichen oder fürsorglichen Szenarien. Im Kern des Korpus konzentriert sich eine Nekropolitik, deren kapitalistische Verstrickung Rosi Braidotti, Athena Athanasiou, Judith Butler und Lauren Berlant ausführen, während die Korpusränder eine Plazentapolitik skizzieren, die mit queerfeministischen, antirassistischen und dekolonialen Stimmen von Rosi Braidotti, Rodante van der Waal, Rebecca Scott Yoshizawa, Malcom Ferdinand und Alexis Pauline Gumbs resoniert. Mit destruktiven wie generativen Kräften existenziell-simulativer Transpositionen bildet Braidottis kritischer Posthumanismus über die Nekro- und Plazentapolitik die Matrix meiner Arbeit.

Im performativen Durchspielen der nekro- und plazentapolitischen Handlungsoptionen stelle ich mit den analysierten Filmen das Ersetzen, Entgegensetzen und Hineinversetzen als transponierende Praktiken des gegenwärtigen Überlebens in der Simulation heraus. In den nekropolitischen Simulationen zeichnet sich eine transversale Spur des Ersetzens ab, die auf diskriminierendem Othering basiert und in der Multiplikation wie Negation körperbezogener Differenzen mündet. Die hier erfasste Kontinuität, die Menschen zu Rohmaterial verdinglicht und ihre Bedeutung entmaterialisiert, um sie derart entkoppelt als ersetzbare Wegwerfkörper auszubeuten, wird von kritisch-kreativen Kräften des Entgegensetzens oder des Hineinversetzens durchkreuzt. Durch zugewandtes Mothering oder abgrenzendes Othering wird etwas im Überleben erhalten oder verloren, für die Simulation ausgewählt oder außer Acht gelassen. Die danach ausgerichteten Transpositionen des nekropolitisch gerahmten Ersetzens und Entgegensetzens sowie des plazentapolitischen Hineinversetzens fördern oder verweigern Austauschprozesse.

Die Verhältnisse verdichten sich in somatischen Medien und physischen Szenarios. Sie erspüren und entäußern posthumane Abhängigkeiten, die weder im post-mortem Kino und Mindgame Movie noch in medienwissenschaftlichen Definitionen greifbar werden, die auf Binaritäten von Original und Simulation, Materialität und Virtualität, Innenwelt und Außenszenario setzen. Diskriminierende Dichotomien zwischen dem genialen Pygmalion und seiner geliebten Plastik, die sich im Narrativ der vertauschten Frauen oder im Genre des Body-Switch wiederholen, ignorieren die Komplexität der Simulation bezüglich Körperlichkeit und Verkörperung. Sie kommt vielmehr im organisch-historisch-sozialen Einbettungsprozess der Plazentation zur Geltung, die als Bild der Permeabilität medialer Ausführungen figuriert. Imaginäre, politische und ökologische Welten sind verbunden durch Körper, die generative und vernichtende Kontexte austragen, ertragen und übertragen. Zuneigung und Gewalt laufen durch sie als ausführende, aufnehmende und vermittelnde Medien hindurch. Diese Durchdringung veranschaulichen die kinematografischen Konfigurationen, in denen die Körper das Außenszenario und ihr Innenleben verbinden. Verbunden, verletzt, gedehnt und mazeriert halten sie die Simulation und das Überleben, sowie am Leben fest, das sich nicht abschütteln oder austauschen lässt. Vielmehr gehen Simulation und Überleben unter die Haut, an der Spuren grenzüberschreitender Fürsorge und Vernichtung exemplarisch an die Oberfläche treten. Die Plastizität der Überlebenssimulationen und Filmanalysen verdeutlicht die materielle und semantische Abhängigkeit der Körper und ihrer Umgebungen. Überlebende bewegen sich durch politische Räume – untrennbar von der festen, flüssigen und gasförmigen Materie, auf die sie stoßen, in die sie eintauchen, die sie aufnehmen und abgeben. Unablässig übertragen sich Kräfte und lassen körperliche, bildliche und symbolische Erscheinungsformen wie Aggregatszustände im Aufnehmen und Abgeben von Energie ineinander übergehen.