Forschungskolloquium
Herbstsemester 2026
Die Programme des Forschungskolloquiums aus den vergangenen Semestern finden Sie im Archiv.
| Termin | Referent:innen |
| 07. Oktober |
Martin Siegler (Siegen) Wir leben in durchlöcherten Welten. Von Schlaglöchern und Hitzeblasen im Asphalt über schmelzende Gletscher und klaffende Tagesbrüche bis hin zum Ozonloch in der Atmosphäre sind Löcher allgegenwärtige Symptome menschlicher Eingriffe ins Erdsystem. Mein Habilitationsprojekt Hollowcene erforscht die ausgehöhlten Landschaften der Gegenwart anhand filmischer Szenen des Loch-Werdens: Tunneldurchbrüche, Erdrutsche, Tagesbrüche und Höhlenerkundungen zeigen, wie sich die Erde heute als instabiler Grund zu erkennen gibt. Zugleich verwandelt sich das filmische Bild selbst in ein poröses Medium, das für das Eindringen der Erde durchlässig wird. |
| 14. Oktober |
Lea Wohl von Haselberg (Potsdam): Jüdische Filmforschung geht über bloße Textanalyse und Fragen direkter Repräsentation hinaus: Verstanden als transdisziplinäres, machtkritisches Feld untersucht sie Filme und ihr Erbe als Beziehungsgeflecht aus Materialität, Produktionskulturen, Rezeptionsdynamiken und historischen Entstehungsbedingungen. Am Fallbeispiel von Helmut Käutners Kriminalfilm SCHWARZER KIES (BRD 1960/61) demonstriert der Vortrag das Potenzial dieser Herangehensweise. Der Film – nach einer Strafanzeige des Zentralrats-Generalsekretärs Hendrik van Dam wegen des Vorwurfs des Antisemitismus um wesentliche Szenen gekürzt – dient als Folie für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Die Analyse verortet die vielschichtigen Kontextbedingungen: Sie beleuchtet die Rezeption des jüdischen Bordellwirts Loeb vor dem Hintergrund der oft verschwiegenen Nachkriegsgeschichte von Displaced Persons im Umfeld US-amerikanischer Militärbasen und erweitert die Debatte über van Dam hinaus um Stimmen wie die der Filmkritikerin Karena Niehoff. Für das neu gegründete Zentrum Jüdischer Film & Audiovisuelles Erinnern an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF steht genau eine solche multiperspektivische Forschung im Fokus. |
| 28. Oktober |
Hamed Soleimanzadeh (Göttingen): What happens when feminist experience is expressed not only through narrative and representation, but through the cinematic form itself? This talk explores how women filmmakers in Iran, Afghanistan, and Lebanon use poetic forms of cinema to articulate experiences of gender, violence, memory, displacement, and social constraint. Rather than approaching feminist cinema primarily through questions of representation or political visibility, it focuses on the aesthetic strategies through which these experiences become perceptible: silence, fragmentation, ellipsis, ambiguity, repetition, metaphor, subjective sound, off-screen space, and non-linear temporality. Iran offers a particularly significant starting point, given the longstanding relationship between Persian poetry and cinema and the importance of indirect and allegorical forms of expression in Iranian filmmaking. The discussion then moves comparatively toward Afghanistan and Lebanon, where different histories of war, displacement, political violence, and social inequality have produced distinct cinematic responses. The talk does not seek to establish a unified model of women’s cinema across these contexts. Instead, it asks whether poetic form can function as a transnational feminist practice while remaining deeply shaped by specific cultural, historical, and political conditions. |
| 25.November |
Nico Uebersax (Zürich) Im Forschungskolloquium stelle ich den momentanen Stand meiner Dissertation vor. Diese untersucht die Privatfilmpraxis der Zwischenkriegszeit als erste Produktion persönlicher audiovisueller Erinnerungstexte. Im Zentrum steht die filmtheoretische Frage, wie die ersten Privatfilmpraktiken zwischenmenschliche Beziehungsstrukturen, Interaktions- und Erlebnisräume sowie Auffassungen von Selbst und Anderen rekonfigurieren. Die Herangehensweise vereint Leibphänomenologie, soziologische Praxistheorie und Erinnerungs- sowie Dispositivkonzepte. Dabei fokussiere ich mich sowohl auf die Erinnerungstexte und deren privaten Gebrauchsweisen als auch auf archivarische Gedächtnispraktiken und meine eigene Begegnung mit den historischen Dokumenten. |
| 09.Dezember |
Iris Fraueneder (Wien) Pulsing Images beschreibt verschiedene Formen der Unverfügbarkeit von Bildern aus dem Libanon und Israel-Palästina anhand von Filmen und Fotografien, die politisch oder historisch bedingt dem Sehen entzogen wurden, materiell ungreifbar oder inexistent sind – ungemacht oder nicht fertiggestellt, nicht archiviert oder zensiert. Die hier untersuchten Filme und künstlerischen Projekte begeben sich auf die Spuren dieser Bilder und erproben unterschiedliche ästhetische Praktiken, um in ihre Unverfügbarkeit zu intervenieren. |