Workshop zum Jubiläum

Filmische Zeitlichkeiten: Formate, Dispositive, mediale Räume / Filmic Temporalities: Formats, Spaces, and Media


Zeit: 12.–14. September 2019
Ort: Universität Zürich, Aula, Rämistrasse 59 (RAA-G-01)

Workshop im Rahmen des Doktoratsprogramms Visuelle Dispositive (UZH/UNIL)

 

Der Workshop widmet sich in vier thematischen Sektionen den vielgestaltigen und vielschichtigen Zeitlichkeiten des Films. Mit dem Fokus auf Formate, Dispositive und mediale Räume sollen über produktions- wie rezeptionsästhetische Zugriffe Aspekte filmischer Medialität in den Vordergrund rücken, die spezifische Formen der Zeitlichkeit des Films als Historizität kenntlich und erfahrbar machen: eine Historizität, die sich durch Koppelung von Heterogenem und Ungleichzeitigem in einer medialen und materialen Hybridität zeigt oder die, im Gegenteil dazu, über ein System von komplexen Selbstverweisen oder über die Standardisierung des Masstabs in einem dem Film eigenen Raum-Zeit-Gefüge durchscheint. Immer werden mittels dieser verschiedenartigen filmischen Prozesse und Praktiken sowohl filmgeschichtliche wie weltgeschichtliche Verhältnisse verhandelt, werden alltägliche Wahrnehmung, Erfahrung und Erkenntnis herausgefordert, wird das individuelle Zuschauersubjekt oder das Publikum als soziales Kollektiv, als Gesellschaft in seiner historischen Zeitlichkeit situiert.

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Das Programm (Flyer) finden Sie rechts auf dieser Seite.
The program (flyer) can be found on the right side of this page.

 

Abstracts der vier Sektionen (for the englisch Version see below)


Ästhetische Eigenzeiten des Films
Diskutiert werden sollen verschiedene mögliche Aspekte der Kreation ästhetischer Eigenzeitlichkeit in Filmen unterschiedlicher Gattungen und Perioden. Unter «ästhetischer Eigenzeit» werden mit Michael Gamper und Helmut Hühn exponierte Formen komplexer Zeitgestaltung, -modellierung und -reflexion verstanden, die in Artefakten unterschiedlicher Materialität – so auch in Filmen – auftreten. Filmische Eigenzeit zielt auf ein von Filmen stimuliertes qualitativ anderes Zeitempfinden als in der äußeren Realität. Unter anderen Möglichkeiten kann dies durch vielfältige, auf vielen Ebenen zugleich stattfindende und auf differente Zeiten verweisende (Selbst-)Referenzen realisiert werden, wodurch es zur Wahrnehmung einer idiosynkratischen Zeitlichkeit kommt, in der die linear und kohärent erscheinende Zeiterfahrung der Realität aufgehoben ist.

Keynote-Vortrag: Michael Gamper (Freie Universität Berlin), «Was sind ‚Ästhetische Eigenzeiten‘? Und was könnten Sie im Film sein?»

Round Table mit Beiträgen von: Jörg Schweinitz (Einführung), Adrien Bordone, Matthias Brütsch, Selina Hangartner, Clea Wanner

 

Überlappung von heterogenen Zeitlichkeiten und historisch-medialen Räumen
Der historische «Abstand» (Gertrud Koch) zwischen der Zeit des Films – als diskursiver und/oder kontextueller Zeit – und einer vorgängigen Referenz (in Form des vorfilmischen Ereignisses im Dokumentarfilm; des historischen Sujets im Spielfilm; der Einlassung ungleichartiger Dispositive und Materialien in einen Film...) kann ästhetisch produktiv werden und zur Überlappung, Überblendung oder Verschränkung heterogener Zeitlichkeiten führen. Dies provoziert eine Spannung durch Konfrontation oder Verschmelzung von historisch-medialen Räumen; eventuell wird dieser ‚Abstand’ vom Film sogar negiert... Immer sind bei solchen Überlappungen indes technologische, ästhetische, narrative Verfahren oder kulturelle Aspekte impliziert, die es zu untersuchen gilt. Im Raum der Rezeption kann eine Überlappung von vielgestaltigen Zeiten und Räumen zudem in der transhistorischen und/oder transkulturellen Wahrnehmung von audiovisuellen Filmbildern bewirken, dass das Zuschauersubjekt sich seiner eigenen Historizität bewusst wird.

Keynote-Vortrag: Erica Carter (King’s College London), «Competing Geopolitical Temporalities: Ghana Films on the Faultiness of Decolonisation and Cold War»

Round Table mit Beiträgen von: Margrit Tröhler (Einführung), Philipp Blum, Marius Kuhn, Marian Petraitis, Patricia Pfeifer, Simon Spiegel


Historische Ungleichzeitigkeiten im Film
In kulturellen Produkten wie Filmen kann es zu Überlagerungen verschiedener «Zeitschichten» kommen, zu einer «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» (Reinhart Koselleck), die eindeutige Epochenzuschreibungen und rigide Einteilungen der Filmgeschichte in klar definierte Abschnitte herausfordert. So gibt es beispielsweise mehrere Filme aus den Jahren 1928–1930, die weder eindeutig Stumm- noch eindeutig Tonfilm sind, so wie sich auch zu anderen Zeiten der Filmgeschichte immer wieder Filme finden, die «Signaturen» unterschiedlicher Epochen in sich vereinen, ob bewusst als eine Art Spiel ausgestellt oder als unbewusster Ausdruck einer Krisen- oder Übergangssituation. Was sind geeignete filmhistoriographische Analysekriterien für diese Filme? Was sagt ihre ästhetische Hybrid-Struktur über ihren jeweiligen historischen Kontext aus?

Keynote-Vortrag: Michael Wedel (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Potsdam), «Murnau/Hitchcock: Anti-Mimetic Cinema and the Spirals of Historicity»

Round Table mit Beiträgen von: Daniel Wiegand und Franziska Heller (Einführung), Jessica Berry, Henriette Bornkamm, Olivia Stutz, Nadine Vafi


Massstäbe filmischer Zeitlichkeit
Filmische Zeit und filmischer Raum unterliegen verschiedenen Praktiken des Messens und Ermessens. Sie werden gemäss ihrer Länge und Dauer, Rhythmik und Taktung, Größe und Proportion, Tiefe und Weite, Nähe und Distanz etc. beschrieben und bewertet. Diese Kategorien sind ästhetisch, insofern sie der Gestaltung eines raum-zeitlichen Gefüges dienen und die Konstruktion einer Stilgeschichte des Films erlauben, sie sind aber darüber hinaus in sozialer und politischer Hinsicht wirksam, da sie immer auch Weltverhältnisse in konkreten Kontexten einrichten. Die Techniken der Messung von Zeit und Raum, die die Kinematographie vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute begleiten, unterliegen vielfältigen Prozessen der Verhandlung im Interesse der Wissenschaft und der Politik, der Industrie und des Handels. Ihre Standardisierung hat eine Abstraktion von der gelebten Zeit und dem gelebten Raum zufolge, die Mary Ann Doane mit einer grundlegenden Verunsicherung des «menschlichen Massstabs» in der Moderne in Verbindung bringt. Ausgehend von diesen Überlegungen könnte sich ein Round-Table bilden, der sich mit den ästhetischen wie auch sozialen und politischen Dimensionen des Massstabs (auch «time scales») in der Geschichte des Films befasst.

Keynote-Vortrag: Mary Ann Doane (University of California, Berkeley), «Scale, the Cinematic Image and the Negociation of Space»

Round Table mit Beiträgen von: Fabienne Liptay (Einführung), Babylonia Constantinides, Carla Gabriela Engler, Jacqueline Maurer, Jelena Rakin, Vera Schamal, Mirjam Steiner, Sofie Lykke Stenstrop, Laura Walde

 

Organisation des Workshops: Jessica Berry, Josephine Diecke, Marius Kuhn, Margrit Tröhler, Daniel Wiegand

English abstracts of the four sections


Autonomous Aesthetic Temporality of Film – «Eigenzeiten»
Discussing films from different genres and eras, this section is dedicated to the various possible aspects of the creation of film’s aesthetic «Eigenzeit» (film’s own autonomous temporality). According to Michael Gamper and Helmut Hühn, this term refers to exposed forms of complex designs, models and reflections of time that are encountered in works and artifacts of diverse materialities – including films. Aesthetic “Eigenzeit“ aims at the film’s ability to cultivate qualitatively different time experience than in external reality. Among other ways, this can be realized through manifold and multilayered (self-) references pointing to different times, which leads to the perception of an idiosyncratic temporality in which the linear and coherent time experience of reality is suspended.


The Overlapping of Heterogeneous Temporalities and Historic Media Spaces
The historic “distance” (Gertrud Koch) between the time of a film – as discursive and/or contextual time – and a preexisting reference (the profilmic event in documentary; the historic subject in fiction film; the inclusion of heterogeneous configurations, dispositives and materials in a film…) can be aesthetically productive and lead to the overlapping or interlacing of heterogeneous temporalities. This provokes tension through the confrontation or fusion of historic media spaces; perhaps this “distance” is even negated by the film… However, these overlaps always imply technological, aesthetical, and narrative processes or cultural aspects that need to be examined.
Moreover, in the space of reception, an overlapping of varied times and spaces in the transhistoric or transcultural perception of audiovisual film images can raise the spectatorial subject’s awareness of their own historicity.


Historic Non-Simultaneities in Film
In cultural products such as films, various “sediments of time” can overlap, leading to a “simultaneity of the non-simultaneous” (Reinhart Koselleck), which challenges unambiguous categorizations and the rigid periodization of film history into clearly defined phases. There are, for instance, several films from the period of 1928–1930 that are neither clearly silent nor clearly sound films. At many other points in film history, we also find films that combine the “signatures” of various periods, whether consciously exhibiting them in a playful way or as an unconscious expression of a crisis or transitional stage. What are the appropriate historiographic criteria for analyzing these films? What does their aesthetically hybrid structure tell us about their historic context?  


Scales of Filmic Temporality
Filmic time and filmic space are subject to various practices of measuring and scaling. They are described and assessed in terms of their length and duration, rhythm and timing, size and proportion, depth and width, proximity and distance. These are aesthetic categories in that they serve the creation of a spatiotemporal structure and allow for the construction of a stylistic history of film. At the same time, they are socially and politically pertinent because they always also establish worlds in concrete contexts. The techniques of measuring time and space, which have accompanied cinema from the late 19th century to this day, are subject to diverse processes of negotiation in the interest of science and politics, industry and trade. Their standardization leads to an abstraction from lived time and space, which Mary Ann Doane links to a fundamental destabilizing of the “human scale” in modernity. Based on these ideas, there could be a round table dedicated to the aesthetic as well as the social and political dimensions of scales (including time scales) in film history.