Ringvorlesung im Herbstsemester 2019 anlässlich der Jubiläumsfeier «30 Jahre Seminar für Filmwissenschaft»

1989: Bewegungen, Impulse, Umbrüche

Donnerstag, 19.09.–12.12.2019, 17.00 Uhr Vortrag, 18.30 Uhr Filmvorführung Filmpodium, Nüschelerstrasse 11, Zürich

Die Gründung des Seminars für Filmwissenschaft vor dreissig Jahren fand im Kontext eines historisch sowie gesellschaftspolitisch bewegten Jahrzehnts statt und gibt Anlass, über die komplexe Wechselbeziehung von Film und Geschichte nachzudenken und danach zu fragen, welche Geschichte(n) das Kino schreibt und wie die Filmwissenschaft als junge Disziplin mit diesen Prozessen verbunden ist. Das Jahr 1989, auf das im Rahmen der Ringvorlesung mit und durch eine Vielzahl von Filmen geblickt wird, stellt in politischer wie auch mediengeschichtlicher Hinsicht einen aussergewöhnlichen Wendepunkt dar.

In Osteuropa führten die vielzähligen Protestbewegungen zu folgenschweren Umbrüchen, wobei das Ende des Kalten Kriegs eine weltgeschichtliche Zäsur und einen politischen Neubeginn bedeutete. Dieser Neubeginn betraf auch die Filmkulturen im besonderen Masse. Jenseits eines einfacheren Zugangs zu aktuellen Produktionen von und auf beiden Seiten des ehedem Eisernen Vorhangs bedeutete das Ende des Kalten Krieges auch eine Wiederbegegnung mit Filmen, die in den Archiven auf der jeweils anderen Seite nicht immer zugänglich waren. Und schliesslich wurden die Ereignisse, von denen der Fall der Berliner Mauer nur eines war, selbst Gegenstand einer Vielzahl filmischer Arbeiten – vom geschichtsvermittelnden Dokumentarfilm und Historienfilm bis hin zu aufregenden Arbeiten des Avantgarde- und Experimentalfilms.

Einen Wandel gesellschaftlicher Ordnungen zog auch die AIDS-Epidemie nach sich, die 1989 einen Höhepunkt erreichte und als zentraler Topos in die amerikanischen Underground- und Avantgardefilme jenseits des Hollywood-Kinos Einlass fand: Insbesondere die (film-)künstlerisch produktive Queer-Bewegung lieferte massgebliche Impulse, sich über politische Reformen und bürgerrechtliches Engagement mit gesellschaftsrelevanten Themen wie Marginalisierung und Ausgrenzung auseinanderzusetzen und heteronormative Rollenbilder zu hinterfragen.

Begleitet wurden diese politischen, historischen und kulturellen Prozesse und Ereignisse durch einen fortschreitenden Medienwandel, der mit der Verbreitung der Videotechnik in den 1980er Jahren seinen Lauf nahm: Diese stellte nicht nur ein neuartiges Verfahren zur Aufnahme, Bearbeitung und Verbreitung von bewegten Bildern dar, das einer breiten Masse von Amateurfilmern zur Verfügung stand, sondern wurde damit auch zu einem wichtigen Werkzeug der politisch-künstlerischen Bewältigung sowie engagierten Teilhabe an den tiefgreifenden Umwälzungsprozessen. Popkulturelle Phänomene wie die ersten MTV-Musikvideos prägten eine neue Ästhetik, die nicht nur in Reaktion auf die Durchsetzung der Videotechnologie zu verstehen ist, sondern zugleich als zentraler Motor und Wirkungsfläche der Jugendbewegung galt.

Nicht zuletzt beeinflusste die Einführung von Video wesentlich die filmwissenschaftliche Forschung und ihre Institutionalisierung an den Universitäten. Erst der einfach zu bedienende Videorecorder ermöglichte das Aufnehmen und Sammeln von Filmen im universitären Kontext in grosser Zahl. Betrachtet man von diesem Standpunkt aus die damals im deutschsprachigen Raum noch junge Disziplin Filmwissenschaft, erscheint auch ihre theoriegeschichtliche Begründung und Entwicklung im Lichte der gesellschaftlichen und medialen Ereignisse, auf die sie reagiert und von denen sie entscheidende Impulse erhält.

Programmreihe im Filmpodium

Vortragende: Christine Noll Brinckmann (Berlin), Tom Kalin (New York), Henry Keazor (Universität Heidelberg), Gertrud Koch (Berlin), Fabienne Liptay (Universität Zürich), Dana Mustata (University of Groningen), Patricia Pfeifer (Universität Zürich),
Ruth Simbao (Rhodes University, South Africa), Matthias Steinle (Université Sorbonne Nouvelle Paris 3), Maria Tortajada (Université de Lausanne), Margrit Tröhler (Universität Zürich), Michael Witt (University of Roehampton, London),
Yvonne Zimmermann (Philipps-Universität Marburg)

Organisation: Philipp Blum, Noemi Daugaard, Barbara Flückiger, Fabienne Liptay, Patricia Pfeifer, Vera Schamal