37. Solothurner Filmtage (15.–20.01.2002)

Jenseits der praktischen Warenkunde – Filmpublizistik in der Schweiz

Es gibt im Wesentlichen drei Typen von Filmkritik:
1. die praktische Warenkunde, deren Ziel es ist, die Kinokunden über das Angebot der Woche und die Qualität der Ware ins Bild zu setzen,
2. die ästhetische Filmkritik, die gute Filme von schlechten unterscheidet und
3. die ethische Filmkritik, die gute Filme von bösen unterscheidet.
Die Filmzeitschrift Zoom wurde von den Landeskirchen finanziert und betrieb eine Mischung aus ästhetischer und ethischer Filmkritik, mit einem starken ethischen Akzent. Die Nachfolge-Zeitschrift Film hingegen folgte dem allgemeinen Trend der Filmberichterstattung in den Medien und verlegte sich auf die praktische Warenkunde, um mit dieser Strategie Schiffbruch zu erleiden.
Die Diskussionsrunde geht der Frage nach, welche Lehren aus dem Ende von Film gezogen werden können. Markiert das Ende von Film generell das Ende der weltanschaulichen Filmkritik in der Schweiz? Oder ist die Zeitschrift einfach an seinem Mangel an Profil gescheitert, und gäbe es auch heute noch einen Markt und ein Publikum für eine ambitionierte Film- und Medienpublizistik? Bietet die Fortführung der Zeitschrift unter dem Titel Films in der Romandie eine solche Perspektive? Und welche Perspektiven gibt es für die Filmberichterstattung in den elektronischen Medien?

Moderation: Vinzenz Hediger, Filmwissenschaftler, Universität Zürich
Donnerstag, 17.01.2002
16:00–17:20 Haus am Land

Filmisch illustrierte Schweizer – Kunst und Versuchung des Porträts

Filmporträts im Dokumentarfilmschaffen der Schweiz der letzten dreissig Jahre handeln vorzugsweise von Künstlern (in der Regel von solchen, die gestorben sind) oder von Vertretern aussterbender handwerklicher Berufe. Die filmische Darstellung alltäglicher Lebensentwürfe hingegen bleibt weitgehend dem Fernsehen vorbehalten, wobei die Spannbreite des Angebots von den ausgearbeiteten Charakterstudien eines Paul Riniker über kurze Gebrauchsporträts für tagesjournalistische Zwecke bis zur Verhaltensstudie im serialisierten Überwachungsformat reicht, wie sie in den letzten Jahren durch Unterhaltungssendungen wie Big Brother, Robinson oder Die Bar popularisiert wurden.
Die Diskussionsrunde setzt sich mit den verschiedenen Porträtformen in den audiovisuellen Medien anhand von drei zentralen Fragen auseinander: Welche Qualitäten machen eine Person zum interessanten Gegenstand eines Filmporträts? Welche Interessen des Publikums versucht man mit Porträts zu bedienen? Und welches sind die ethischen Grenzen des Formats?

Moderation: Yvonne Zimmermann, Filmwissenschaftlerin, Universität Zürich
Freitag, 18.01.2002
16:00–17:20 Haus am Land

In Zukunft wieder nur noch autodidaktische Genies? Perspektiven der Filmausbildung in der Schweiz

Obwohl das Kino mittlerweile über hundert Jahre alt ist, steckt die institutionalisierte Filmausbildung in der Schweiz immer noch in ihren Anfängen. Lange Zeit bestimmte das Ideal des autodidaktischen Genies die Auswahl des Branchennachwuchses. Man brachte sich im Verlauf einer längeren Stagiaire- und Assistentenlaufbahn das Wesentliche selbst bei und gelangte schliesslich zur Entfaltung als Auteur. Oder auch nicht.
Erst in den Achtzigerjahren wurde an der ESAV in Genf der erste schulische Lehrgang fürs Filmemachen eingerichtet, und die ersten eigentlichen Filmschulen in Lausanne und Zürich kamen erst zu Beginn der Neunzigerjahre zustande – unter den nicht nur wohlwollenden Blicken der Branche.
Mittlerweile bestimmt die erste Generation von FilmemacherInnen, die am DAVI und an der HGKZ ausgebildet wurden, zu einem guten Teil das Gesicht des Filmschaffens in der Schweiz. Die Zukunft der Filmausbildung allerdings steht bereits wieder zur Disposition. Das DAVI in Lausanne ist weitgehend aufgelöst worden und soll durch einen wengier filmspezifischen Medienlehrgang ersetzt werden. Im Übergang zum Fachhochschulsystem kursieren ähnliche Pläne auch für die Zürcher Filmschule.
Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage nach der Zukunft der Filmausbildung in der Schweiz. Kommt es zur Rückkehr zum Ideal des autodidaktischen Genies? Wird es sich die Schweizer Filmbranche dereinst wieder leisten, als einziger Wirtschaftszweig des Landes ohne eigene Ausbildungsstrukturen dazustehen? Und wenn nicht: Welche Ausbildungsformen sind die richtigen, für die Branche und für die Zukunft des Filmschaffens in der Schweiz?

Moderation: Marcy Goldberg, Filmwissenschaftlerin, Universität Zürich
Samstag, 19.01.2002
16:00–17:20 Haus am Land