Krieg und Dokumentarfilm. Kritik der Codierung von Gewalt, Ideologie und Propaganda

lic. phil. Andrea Reiter
Referentin: Prof. Dr. Margrit Tröhler

Der Zerfall Jugoslawiens und die damit verbundenen Kriege in den 1990er Jahren waren begleitet von einer umfassenden nationalistischen Propaganda, die bereits im Vorfeld der kriegerischen Ereignisse die Aushöhlung der demokratischen Strukturen bewirkte. So forcierten die nationalistischen Ideologien den Hass zwischen den Volksgruppen und mündeten schließlich in massiver Gewalt. Wobei sich die propagandistische Beeinflussung der Bevölkerung unter anderem in der Fülle von Dokumentationen staatlicher Fernsehanstalten manifestierte. Diese konzentrierten sich neben der Darstellung gegnerischer Feindseligkeiten und der Rechtfertigung präventiver Aggressivität auf die angebliche kulturelle Überlegenheit der je eigenen Volksgruppe und ihre heroischen Verteidigungskämpfe. Die Berichterstattung in den westlichen Medien gab sich derweil objektiv und unabhängig, was im Laufe des langjährigen Konflikts allerdings immer mehr in Frage gestellt wurde. Ihre Intensität – so der Vorwurf – verwischte die Grenzen zwischen seriöser Informationsvermittlung und ideologisch-propagandistischer Meinungsmache. Gegen dieses Informationsvakuum traten vielfältige engagierte Dokumentarfilme an, die unter schwierigen Bedingungen von unabhängigen Filmemachern aus der Region und dem Ausland produziert wurden und die sich aktiv in den nationalen und internationalen Diskurs einzuschalten versuchten.

Das Dissertationsprojekt widmet sich diesen dokumentarischen Filmen, die die Sezessionsprozesse und ihre Folgen kritisch beleuchten und dabei Ausblicke auf eine demokratisch-pluralistische Gesellschaft gewähren. Kernthese ist, dass sie nicht nur in selbstreflexiver Weise ihren Status als Film und ihren Umgang mit Gewalt, Ideologie und Propaganda thematisieren, sondern Auswege aus der Krisensituation evozieren, wodurch in ihnen ein Moment des Utopischen sichtbar wird.

Im Rahmen des Projekts werden theoretische Grundlagen zur Charakterisierung des politisch-aktivistischen Dokumentarfilms erarbeitet, die um Fragen des Propaganda-, Thesen- und Agitationsfilms kreisen und sich dem spezifisch «‹Dokumentarischen› des Dokumentarfilms» (Decker 1995: 120) widmen. Ein semiopragmatischer Ansatz dient dabei als Angelpunkt, der eine formal-ästhetische Analyse der Filme im Kontext von Herstellung und Lektüre ermöglicht (vgl. Odin 1995, 2002). Die Analyse der Filme und ihrer aktivistischen Dimension konzentriert sich auf ein Korpus, das hauptsächlich aus unabhängigen bosnisch-herzegowinischen, kroatischen und serbischen Produktionen zusammengesetzt ist und einige europäische oder US-amerikanischen Dokumentarfilme als referenzielle Ergänzung miteinbezieht.