Rall: Schizophrene Bilder

Dr. Veronika Rall

Teilprojekt des interdisziplinären Forschungsprojekts: Schizophrenie: Rezeption, Bedeutungswandel und Kritik eines Begriffes im 20. Jahrhundert, gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds, Juni 2013 – Dezember 2015; Hauptgesuchsteller: Prof. Dr. Paul Hoff; Mitgesuchsteller: Prof. Dr. Angelika Linke, Prof. Dr. Jakob Tanner, Prof. Dr. Margrit Tröhler (Link auf: http://p3.snf.ch/project-143804 )

Der Begriff «Schizophrenie» wurde 1908 von Eugen Bleuler in den medizinischen Diskurs eingeführt. Er setzte sich wissenschaftlich und klinisch rasch durch, gewann aber auch Einfluss in gesellschaftlichen Kontexten. Die Analyse von Rezeption, Bedeutungswandel und Kritik des Begriffs und der Metapher «Schizophrenie» erlaubt Erkenntnisse zum Verhältnis von Semantik und medizinischer Theorie und Praxis wie zur Funktionalisierung dieses psychiatrischen Konzepts im Selbstbild moderner Gesellschaften. Aus der Perspektive vier verschiedener Disziplinen – der Psychiatrie, der Geschichtswissenschaft, der Linguistik und der Filmwissenschaft – sollen die Rezeption, der Bedeutungswandel und die Kritik des Begriffs Erkenntnisse sowohl über die spannungsreiche Heterogenität des psychiatrischen Selbstverständnisses wie auch über gesellschaftliche Selbstbeschreibungen vermitteln.

Situiert in diesem interdisziplinären Spannungsfeld will das Teilprojekt Schizophrene Bilder untersuchen, inwiefern sich die schizophrene Erfahrung des Subjekts in der Moderne sowie seine «ambivalente Selbstbeschreibung» (Leferink 1997b: 32) aus bildhaft-wahrnehmenden Komponenten speisen, die von visuellen Medien beeinflusst sind und sich umgekehrt in diesen sedimentieren. Es verfolgt dabei drei komplementäre Perspektiven:

  1. Den psychiatrischen und psychoanalytischen Diskurs zur Wahrnehmung, zur visuellen Dissoziation, zur Sinnestäuschung und zur Projektion, wie er bereits in den ersten Schizophreniekonzepten vorgelegt wird (vgl. u. a. Bleuler 1998 [1911]; Freud 1973 [1911 & 1915]; Spielrein 1987 [1911]; Tausk [1919]).
  2. Die Diskussion um die Zeichnungen und Gemälde der an Schizophrenie erkrankten Personen, die ähnlich wie Bleulers Ansatz einen Paradigmenbruch zeitigt: Ist um 1900 der psychiatrische Umgang mit Bildern durch einen assertorischen Positivismus geprägt, der den psychisch Kranken fotografisch bannt (vgl. Charcot/Richer 1988 [1887]; Didi-Hubermann 1997 [1982], Tagg 1988), interessieren sich der Psychiater Hermann Rorschach (Münsterlingen, CH), der Psychiater Walter Morgenthaler (Bern, CH) sowie der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (Heidelberg, D) für die Bilder, die «Geisteskranke» und insbesondere Schizophrene produzieren (vgl. Rorschach 1913, Morgenthaler 1918 & 1921, Prinzhorn 2001 [1922]).
  3. Diskurse um Spaltungsprozesse kinematografischer Bilder, wie sie in Film-/Kinotheorie, aber auch in Filmen selbst aufgeworfen werden. Ausgehend von Prinzhorns These, dass Schizophrenie kein Bild abgibt, wohl aber Bilder produziert, scheint es angemessen, nicht nach ihren filmischen Thematisierungen zu forschen, sondern nach schizophrenen Filmen, d. h. nach Filmen, die formal, ästhetisch und inhaltlich (oder im Raum zwischen diesen Kategorien) Risse, Spaltungen, Dissoziationen, Konfrontationen, i. e. einen «schizophrenen Prozess» (Simond 2004, 8) eröffnen.

Durch diese Verquickung von Bild, Gesellschaft und Epistemologie situiert sich das Projekt im Bereich akuter Fragestellungen der Bild- und Filmwissenschaft und assoziiert sich den psychiatriehistorischen, sozial- und kulturhistorischen sowie linguistischen Erörterungen des Schizophreniebegriffs.