Bilder potenzieller Bewegung – Animationen zwischen Abstraktion und Konkretisierung

Vera Schamal, M.A.
Referentin: Prof. Dr. Fabienne Liptay

Animation sei nicht die Kunst bewegter Zeichnungen, sondern die Kunst gezeichneter Bewegun­gen. So verlautet die These des Animationspioniers Norman McLaren auf einem undatierten handschriftlichen Zettel mit dem Titel «The Philosophy behind this Machine». Mit dieser Feststellung schlug der Filmemacher zum Einen eine Konzeption des Animationsbe­griffs vor, welche die Dominanz des Zeichentrickfilms spielerisch hinterfragt: Im Gegensatz zur «bewegten Zeichnung» impliziert «gezeichnete Bewe­gung» eine Vielfalt an Techniken und damit – allgemeiner – Bestrebungen und Experi­mente zur Visualisierung von Bewegung. Zum Anderen bedient diese Feststellung auch eine unerlässliche Interessensverla­gerung in der theoretischen Auseinanderset­zung mit animierten Filmen; eine In­teressensverlagerung vom Einzelbild hin zur Bewegung, von der Frage des Materials hin zur Frage der immateriel­len kontinuierlichen Veränderlichkeit.

Veränderlichkeit ist im Animationsfilm nicht auf zeitliche Abläufe beschränkt. Der Animation ist eine Potenzia­lität von Formen und Inhalten eigen, die sich als beständige Polymorphie der visuellen Erscheinung äussert. Zur Beschreibung dieses Phänomens soll der Begriff der potenziel­len Bewegung übernommen werden. Es gilt die These zu verfolgen, dass die Bildlich­keit der Animation eine potenzielle Bildlichkeit ist, die in ihrer Ausfor­mung grundsätz­lich keine Einschränkungen kennt, also jedes erdenkliche Sujet darzustellen vermag und dass es gerade diese Konfiguration ist, die den Animationsfilm zum bevorzugten Verfahren dynamisierter Illustrationen macht. Letztere Praxis – die bewegte Bebilderung von Sachzusam­menhängen und Prozessen – soll den Untersuchungsgegenstand in seiner Funktions­weise charakterisieren. Untersucht werden animierte Kurz- und Spielfilme sowie visuelle Experimente, die sich dem Prinzip der Veranschaulichung – einer besonderen Zeige-Funktion der Animation – bedienen und dieses Prinzip in selbstreflexiver Weise auf die Probe stellen.

Im Hinblick auf den Gegenstand der potenziellen Sichtbarkeit und Bewegung wird Bildlich­keit weniger als Begriff denn als Problem- oder Fragestellung behandelt: In welchem Verhältnis steht das Bild zu «Wirklichkeiten», Bilddialogen, Diskursen? Wie übertragen sich Fakten, Wissenshori­zonte oder dokumentarisches Material in den animierten Modus und welche Bedeu­tung kommt dabei der Bewegung zu?