Geschichte(n) des Lebens erzählen – Historiographische Praktiken des Alltags im gegenwärtigen Dokumentarfilm

Marian Petraitis, M.A.
Referentin: Prof. Dr. Margrit Tröhler

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit gegenwärtigen Tendenzen im dokumentarischen Zugang zu ‹Geschichte›: In einer steigenden Zahl von Langzeitdokumentationen lässt sich eine Emanzipation von ‹totalen Geschichtsprozessen› und eine Hinwendung zu lokalen Mikrogeschichten erkennen. Einschneidende gesellschaftliche Ereignisse werden nicht unmittelbar im Sinne einer objektiven Geschichtsschreibung verhandelt, sondern über die alltäglichen Lebenswelten ihrer Protagonisten aufgegriffen. Die Hinwendung zum Lebensalltag ist dabei häufig von ‹Regelmäßigkeiten› in Form von ritualisierten und repetitiven Bewegungs- und Handlungsabläufen, mit besonderem Interesse für (post-)industrielle Praktiken und Orte der Arbeit, geprägt. Dabei ist ein Hin- und Herpendeln zwischen lokaler Mikro- und ortsübergreifender Makrogeschichte zu beobachten, das durch Multiperspektivität und polyphone Montageformen filmisch umgesetzt wird. Die Projekte werfen indes auch Fragen nach der Darstellbarkeit von Ereignissen und der Erfahrbarkeit der Welt durch den Film auf und entwickeln Erzählstrategien, die eine Aneignung von ‹Geschichte› abseits der ‹großen Erzählungen› anstreben.

Parallel zu den Langzeitdokumentationen lässt sich eine Vielzahl transmedialer Projekte ausmachen, die die Frage nach der Partizipation des Einzelnen an historiographischen Praktiken neu stellen. Sie rufen mediale Live-Ereignisse auf und markieren damit den Übergang alltäglicher Ereignisse in ‹Geschichte›, betonen die Prozesshaftigkeit des historiographischen Aktes. Sie suggerieren so auch die Möglichkeit, sich als user aktiv an der Geschichtsschreibung zu beteiligen (‹create history›), indem sie die Zuschauer explizit zur eigenen Bilderproduktion auffordern. Mittels Einbezug von Amateurfilmaufnahmen und der Verknüpfung mit Online-Plattformen wie Youtube legen diese Projekte die Teilhabe der user an einer Geschichtsschreibung über bottom-up Verfahren nahe. Die transmediale Verbindung von Film, Fernsehen und Hypertexten im Web 2.0 steht mit der Betonung von Echtzeit jedoch nur auf den ersten Blick im Kontrast zu den Langzeitbeobachtungen. Vielmehr stoßen beide Formate eine Reflexion über die Erfahrbarkeit der Welt und die Frage nach deren Zeitlichkeit an, die weitere Untersuchungsebenen eröffnen: Was leisten diese Angebote an historiographischen Dispositiven im Hinblick auf ihre erinnerungskulturelle und archivarische Funktion? Welche Rolle nimmt der Film im Rahmen der hier praktizierten Geschichtsschreibung ein?

Das Dissertationsprojekt fragt somit nach den historiographischen Potenzialen dieser neueren Tendenzen im dokumentarischen Bereich, die auf das spezifisch mediale Vermögen filmischer Bilder verweisen, historisches Wissen abseits bloßer (Re-)Konstruktion herzustellen, zugänglich und verstehbar zu machen. Dabei sollen die historiographischen Praktiken selbst (und also ihre aktuelle Hinwendung zum Alltag) (film-)historisch eingeordnet werden. Gleichzeitig verweisen auch die transmedialen Projekte zurück auf das explizit filmische Potenzial dokumentarischer Strategien der Geschichtsaneignung, das herausgearbeitet und für filmtheoretische und -geschichtliche Fragestellungen im Kontext neuer Medien fruchtbar gemacht werden kann.