Between Frontiers – Anglo-amerikanische Kriegsfilme der 1950er/60er Jahre und ihr Blick auf Deutschland im 2. Weltkrieg

Marius Kuhn, M.A.
Referentin: Prof. Dr. Margrit Tröhler

Gegenstand des Dissertationsprojekts sind anglo-amerikanische Filme der 1950er/60er Jahre, die den 2. Weltkrieg thematisieren und auf deutsche Protagonisten fokussieren. Das Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Filme im transnationalen Austausch zwischen der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und den ehemaligen Besatzungsmächten Grossbritannien und USA in (film-)historischer Hinsicht positionieren. Untersucht werden Kontexte der Produktion, Distribution und Rezeption sowie ästhetische und narrative Aspekte des Genres.

Ab Mitte der 1950er-Jahre lässt sich in der noch jungen Filmlandschaft der BRD eine regelrechte ‹Kriegsfilmwelle› konstatieren. Neben einem grossen Publikumszuspruch riefen die Filme und ihre Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in der Presse vehemente und kontroverse Diskussion hervor. Dabei gerieten nicht alleine bundesdeutsche Produktionen in den Fokus, sondern auch anglo-amerikanische Kriegsfilme. Da der bundesdeutsche Filmmarkt der 1950er-Jahre kaum durch Einfuhrquoten reguliert war, spielten die Produktionen der ehemaligen Besatzungsmächte Grossbritannien und vor allem der USA weiterhin eine bedeutende Rolle. Für sie bildete der wachsende bundesdeutsche Markt in Anbetracht der rückläufigen Einnahmen in den jeweiligen Ursprungsländern ein immer wichtiger werdendes Absatzgebiet, das die anglo-amerikanischen Produktionsfirmen gezielt bedienen wollten. Auffällig ist, dass diese ‹Kriegsfilmwelle› ab 1955 parallel zu (inter-)nationalen politischen Entwicklungen wie der Zuspitzung des Kalten Krieges, der Remilitarisierung der BRD oder deren NATO-Beitritt verläuft.

Ein Grossteil der Kriegsfilme dieser Zeit behandelt die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands und stellt oder, im Gegenteil, vermeidet die Frage nach Schuld und Verantwortung der deutschen Bevölkerung. Die Filme sind damit Teil einer ‹selektiven› Erinnerungskultur, in der die jüngere Vergangenheit im Kontext der damaligen Gegenwart neu verhandelt wird. Während die bundesdeutschen Filme oftmals den deutschen Soldaten als wehrloses Opfer darstellen oder bekannte Widerstandskämpfer in den Vordergrund rücken, gibt es zahlreiche anglo-amerikanische Produktionen mit deutschen Hauptfiguren, die ihre Protagonisten ambivalenter porträtieren. Dabei deuten sich auch Unterschiede zwischen den britischen und amerikanischen Filmen an: Wenn erstere die Kriegsverbrechen nahezu ignorieren und teilweise zur Konstruktion des Mythos der ‹unschuldigen› Wehrmacht beitragen, thematisieren letztere manchmal explizit – und dies ist für die BRD ein Novum – die Verbrechen der Nationalsozialisten. Im transnationalen politischen und ökonomischen Spannungsfeld gerieten solche Filme mitunter zwischen die Fronten in den Ursprungsländern wie in der BRD – sie stiessen auf Widerstand bei Rezensenten, wurden vom Publikum übergangen, oder sie wurden zu Kritiker- und Kassenerfolgen.

Das Dissertationsprojekt untersucht somit, wie die anglo-amerikanischen Filme den 2. Weltkrieg aus deutscher Perspektive thematisieren und wie sie sich im transnationalen Diskurs zwischen der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und der Gegenwart im Zeichen des Kalten Krieges verorten lassen. Zur Beantwortung dieser Forschungsfrage sind innerhalb des bundesdeutschen Bezugsrahmens auch der Produktions- und Distributionskontext sowie die Rezeption von Belang ebenso wie die entsprechenden Diskurse in Grossbritannien und den USA. In dieser transnationalen Sichtweise werden die anglo-amerikanischen Filme zudem auf ästhetische und narrative Aspekte hin betrachtet und in Beziehung zu den bundesdeutschen Kriegsfilmen gesetzt. Bettet man die Filme in der internationalen Entwicklung des Genres ein, wird deutlich – soviel lässt sich bereits festhalten –, dass das Untersuchungskorpus zu einer Reihe von Kriegsfilmen gehört, die in unterschiedlichen Zeitepochen deutsche Protagonisten im 2. Weltkrieg porträtieren – eine Reihe, die ihren Anfang in den 1940er-Jahren nahm und bis in die Gegenwart reicht.

English version below

Between Frontiers – Anglo-American War Films of the 1950s/1960s and Their View of Germany in the World War II


This thesis project proposes to discuss Anglo-American films of the 1950s/1960s on World War II with a focus on German protagonists. The project will explore the position of these films within the transnational exchanges between the Federal Republic of Germany (FRG) and the former occupying powers, Great Britain and the United States of America, in terms of (film) history. The contexts of production, distribution and reception will be considered as well as aesthetic and narrative aspects of the genre.

The mid-1950s brought an actual surge of war pictures in the FRG's budding film industry. These films, while very popular, gave rise to vehement discussion and controversy in the press because of the way they represented the past. The debate focused not only on FRG productions but also on Anglo-American war pictures. In the 1950s, the Federal Republic of Germany's film market was barely regulated in terms of import quotas, so productions from former occupying powers like Great Britain and especially the USA continued to play an important part. With domestic revenues going down, the burgeoning FRG market became an increasingly important new sales territory that Anglo-American production companies wanted to target specifically. It is interesting to note that this ‹wave› of war pictures, which began in 1955, paralleled (inter-)national political developments such as the intensification of the Cold War, the remilitarization of the FRG and its accession to NATO.

A large part of the war pictures from this period discuss Germany's National Socialist past and address – or, conversely, avoid – the question of guilt and responsibility on behalf of the German public. As a result, these films are part of a culture of ‹selective› remembrance, in which the recent past is renegotiated in the context of the present at the time. While the FRG pictures frequently portray the German soldier as a defenceless victim or prefer to foreground famous members of the resistance, there are many Anglo-American productions with German protagonists that offer a more ambivalent portrayal of these characters. Some significant differences between British and American films appear to emerge: While the former tend to ignore war crimes almost entirely, thereby partly contributing to the elaboration of the myth of an ‹innocent› Wehrmacht, the latter sometimes focus explicitly on the crimes committed by the National Socialists – a novelty for FRG audiences. Given the environment of transnational political and economic tensions, such films frequently got caught in the middle between their country of origin and the FRG – many met with resistance from reviewers and were ignored by the public while others became both critical and box-office successes.

The thesis project, then, proposes to examine the ways in which Anglo-American films discuss World War II from a German point of view, and how they may be situated between Germany's National Socialist past and the Cold War present within transnational discourse. In order to find answers to this research, the contexts of production, distribution and reception within the FRG framework need to be taken into consideration as much as the corresponding discourses in Great Britain and the USA. This transnational perspective will permit an examination of the Anglo-American films in terms of aesthetic and narrative aspects and in relation to the FRG war pictures. If these films are regarded in the context of the international evolution of the genre, it emerges – that much is already obvious – that the corpus under investigation is part of a cycle of war pictures portraying German World War II protagonists in different periods – a cycle that began in the 1940s and continues to this day.