Filmgeschichte Re-mastered. Memopolitische, ästhetische und wahrnehmungstheoretische Konsequenzen der digitalen Medientransition

Projektleitung: Prof. Dr. Barbara Flückiger, Mitarbeit: Dr. Franziska Heller, vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert (Juni 2011–Mai 2013). Das Projekt untersucht die veränderte Wahrnehmung von Filmgeschichte im Zuge der Digitalisierung des audio-visuellen Erbes.

Die zeitgenössische Filmtechnik wird filmlos, die Produktions- und Distributionsabläufe verlagern sich zunehmend in die digitale Domäne. Doch bei allen Blicken in die mediale Zukunft wurde bisher nicht beachtet, wie zugleich die filmhistorische Vergangenheit verändert, aktiv umgeschrieben und heute in neuer Form sichtbar gemacht wird. Die digitale Bearbeitung von filmhistorischem Material ist mittlerweile Usus geworden: Es gibt kaum eine Neuedition historischer Filme, die nicht in irgendeiner Form mit digitalen Technologien re-mastered worden ist. Mit den Möglichkeiten der neuen Technologien werden in der ganzen Welt Projekte zur Digitalisierung von Archivfilmen durchgeführt. In der Distribution und Rezeption entsteht damit ein Paradox: Filmgeschichte Re-mastered. Denn die Filme werden der Öffentlichkeit mit dem Versprechen präsentiert, dass der Film historisch und zugleich re-mastered ist – mit der jüngsten, digitalen Technik. Von der Filmwissenschaft kaum untersucht, findet so ein einschneidender Wandel in der Geschichte und Ästhetik des filmkulturellen Erbes statt. Die bisherige Forschung zur Retrodigitalisierung ist von disparaten disziplinären Herangehensweisen gekennzeichnet. Sie wurde bereits in unserer zweijährigen anwendungs¬orientierten Forschung im KTI-Projekt AFRESA zur Digitalisierung von audiovisuellem Archivgut aufgearbeitet. So haben Erkenntnisse unserer dortigen Arbeit die Dringlichkeit des vorliegenden Forschungsvorhabens erkennen lassen.

Im vorliegenden Projekt wird der Prozess der Digitalisierung von fotochemischem Material erstmals als kulturelle Praxis analysiert, welche die öffentliche Wahrnehmung von medialer Vergangenheit nachhaltig beeinflusst. Diese Sichtweise von Digitalisierung erfordert eine filmwissenschaftliche Methodik, die sowohl die technischen, institutionellen, diskursiven wie ästhetischen Bedingungen der Produktion wie Rezeption von Digitalisaten verbindet und deren Geschichtlichkeit als medialen Wahrnehmungseffekt analysierbar macht. Die Filmwissenschaft bietet dafür die Semio- wie historische Pragmatik in Anschluss an Roger Odin, Frank Kessler und William Uricchio an. Dabei ist die konstruktivistische Perspektive auf die Filmhistoriographie entscheidend: Historizität ist insofern keine faktisch, empirisch fixierbare Qualität, sondern vielmehr eine medial vermittelte, ästhetische Kategorie.

Darüber hinaus wirft die gegenwärtige Medientransition eine zentrale, fachpolitische Frage für die Film- bzw. Medienwissenschaft auf. Hier analysiert das vorliegende Projekt abschliessend auf der selbstreflexiven Metaebene die filmhistoriographischen Mechanismen, die sich durch die Digitalisierungsprozesse ergeben und damit nachhaltig den Gegenstand des Faches selbst bestimmen. Gerade in einem Jahrhundert sich beschleunigender medientechnologischer Entwicklungen kommt der Disziplin Filmwissenschaft besondere Bedeutung zu, die eine etablierte Tradition hat, Technikgeschichte, soziale Praxen und ästhetische Wahrnehmung zusammenzudenken. In diesem fachlichen Kontext ist es darum unser Ziel, diese Tradition aufzugreifen und weiter zu entwickeln.

Im Kontext dieses Forschungsprojekts untersuchte Barbara Flückiger die historischen Filmfarben von ihren Vorläufern in der Farbenfotografie des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Denn es bedarf einer genauen Kenntnis nicht nur der technischen Verfahren, sondern auch ihrer kulturellen Wurzeln und der zeitgenössischen Rezeption, damit Archivfilme gemäss restaurationsethischen Prinzipien in die digitale Domäne transformiert werden können. Als Ergebnis dieser Farbenforschung ist eine Digital- -Humanities-Plattform entsanden, in welcher Forscher aus aller Welt zusammenarbeiten und ihre Forschungsaktivitäten vernetzen, die Timeline of Historical Film Colors, welche diese Prozesse dokumentiert und kontextualisiert. Zudem hat sie methodische und epistemologische Grundlagen der Vermessung ästhetischer Erscheinungen in der Zeitschrift für Medienwissenschaft reflektiert (peer-reviewed).