Analog/Digital – Die emotionale Wirkung von Filmaufnahmen auf das Kinopublikum

Forschungsprojekt (Projektleitung: Prof Dr. Barbara Flückiger, Mitarbeit: Dr. Simon Spiegel), finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds im Verbund mit Wirtschaftspartnern und in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste in Zürich, ZHdK, sowie dem Institut für Medienpsychologie der Universität Bern (Mai 2012 bis April 2014)

Im Bereich der Filmproduktion haben digitale Formate die analogen bereits weitgehend verdrängt. Auch in der Schweiz wird die grosse Mehrheit der Filme inklusive der Kinospielfilme digital gedreht. Weltweit erfolgt die Postproduktion fast ausschliesslich digital. Hingegen hat die Umstellung der Projektionstechnik in den Schweizer Kinos erst kürzlich im grösseren Umfang eingesetzt.

Die technischen und ästhetischen Aspekte dieser Umstellung sind vor allem innerhalb der Branche von Anfang an ausgiebig diskutiert worden. So wird dem digitalen Bild oft eine gewisse Kälte und Sterilität attestiert, die aus dem grundlegenden Unterschied zwischen dem tanzenden Korn der analogen Emulsion und dem starren Raster des digitalen Bildes abgeleitet wird. Es gibt aber keine psychologisch fundierte, interdisziplinär angelegte empirische Untersuchung, die der Frage nachgeht, ob und wie diese in der Materialität der Medien begründete Differenz die Rezeption und insbesondere die emotionale Verarbeitung beeinflusst.

In einem Pilotversuch haben sich beim Vergleich digitaler und analoger Aufnahmen bereits überraschend signifikan­te Unterschiede gezeigt, wobei die Probanden den Gesamteindruck und die Bildqualität der analogen Aufnahmen deutlich positiver bewertet haben. Das vorliegende Forschungsprojekt hat zum Ziel, diesen bislang unerforschten Aspekt detailliert und methodisch fundiert zu untersuchen. Zu diesem Zweck werden zunächst drei kurze, jeweils einem klar definierten Genre zugeordnete narrative Filme parallel mit digitalen und analogen Kameras produziert. In der Postproduktion entsteht zusätzlich eine weitere Variante, bei welcher der digitale Film so stark wie möglich an den analogen Look angeglichen wird. In einem experimentellen Setting wird anschliessend die Wirkung dieser sowohl narrativ als auch technisch unterschiedlichen Filme ver­glichen. Dabei werden das subjektive Empfinden mittels Self-Reports bzw. Fragebogen wie auch objektive physiologische Indikatoren (Hautleitwiderstand, Puls) sowie Augenbewegungen als ab­hängige Variablen miteinbezogen. Im Fokus der Untersuchung steht die Frage, inwiefern der Unterschied überhaupt wahrgenommen wird, ob sich die spezifischen Charakteristika des analogen Bildes bei den Rezipienten in einem veränderten Erleben narrativer Filme niederschlägt und in welchem Umfang sich diese Wirkung allenfalls durch Nachbearbeitung des digitalen Films erreichen lässt. Zudem ist zu prüfen, ob ein signifikanter Unterschied zwischen den Probanden beobachtet werden kann, die mit dem analogen Kino gross geworden und an die traditionellen Abbildungspro­zesse gewöhnt sind, und sogenannten Digital Natives, die nach 1980 geboren und somit bereits mehrheitlich mit digitalen Bildern sozialisiert wurden.

Die in diesem Projekt zu erforschenden Themen sind nicht nur außerordentlich aktuell, weil sie einen einschneidenden Medienwandel in statu nascendi erfassen, dokumentieren und systematisch empirisch gestützt untersuchen, sondern sie sind auch von hoher Relevanz. Nicht nur ist der Wissenstransfer zwischen den zumeist getrennt operierenden Bereichen Wissenschaft und Praxis ein notwendiger Schritt, um den medialen Umbruch zu reflektieren und zu steuern, sondern die Fragestellung ist auch von unmittelbarem ökonomischem Interesse. Sollte sich nämlich zeigen, dass das emotionale Erleben der Zuschauer signifikant mit der medialen Materialität korreliert, dürften diese Ergebnisse die Produktionsentscheidungen nachhaltig beeinflussen.